Sport : Gejagter und Sammler

Weil die große Dominanz dahin ist, will Vettel seinen Formel-1-Titel mit kontrollierter Offensive verteidigen

Karin Sturm[Budapest]
Foto: REUTERS

Wenn Sebastian Vettel inzwischen eines über die Formel 1 weiß, dann das: Man kann es als Weltmeister keinem Recht machen. Erst gewann er zu Saisonbeginn ein Rennen nach dem anderen und sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Überlegenheit mache die WM langweilig. Nun fährt er einigen plötzlich zu sehr auf Sicherheit. Weil er die beiden Rennen vor dem heutigen Großen Preis von Ungarn (14 Uhr/RTL und Sky) nicht gewinnen konnte und zuletzt bei seinem Heimspiel auf dem Nürburgring nicht einmal einen Podestplatz erreicht hatte, musste sich der 24-Jährige die Frage gefallen lassen, ob er denn nur noch wie ein Eichhörnchen Punkte sammeln und seinen WM-Vorsprung ins Ziel retten wolle. Mit seiner Poleposition auf dem Hungaroring hat er diese These zunächst einmal widerlegt.

Vettels Vorgesetzter Christian Horner hält das ganze Gerede sowieso für Blödsinn. „Natürlich ist Sebastian ein absoluter Racer, der am liebsten jedes Rennen gewinnen würde“, sagt der Red-Bull-Teamchef. „Er ist nur auch gleichzeitig schlau genug, nicht mit aller Gewalt etwas zu versuchen, was nicht geht – sondern auch dann, wenn es einmal nicht so optimal läuft, noch das Maximum an möglichen Punkten mitzunehmen.“

Das hat Vettel auf jeden Fall getan. Auch wenn er von den letzten vier Rennen nur das in Valencia ganz oben auf dem Podest beendete, sammelte er in dieser Zeit mit 73 Punkten immer noch mehr Zähler als seine WM-Rivalen. Der Ferrari-Pilot Fernando Alonso kam in der gleichen Zeitspanne auf 61 Punkte, Vettels Teamkollege Mark Webber auf 60 und McLaren-Pilot Lewis Hamilton trotz seines Sieges in Deutschland nur auf 49. „Die Statistik kann man immer so drehen, wie man sie gerade braucht“, sagt Vettel. „In den letzten Rennen konnte man sehen, dass Ferrari extrem zugelegt hat. Ich denke, man muss aber immer für sich schauen, ob man das Beste aus seinem Paket geholt hat oder ob gewisse Dinge hätten anders laufen können.“

Sicher müsse man das Auto auch für die nächsten Rennen weiter verbessern, das ist fast schon Vettels Mantra, „aber es ist logisch, dass andere Teams auch einmal einen größeren Schritt machen“. Für den Rest der Saison mache ihm das aber keine großen Kopfschmerzen, „denn ich weiß vielleicht doch ein bisschen besser als die Außenstehenden, was bei uns noch alles kommt. Die Leute sind drauf und dran, das Auto schneller zu machen.“ Vettel sieht also keineswegs die Gefahr, nach Red Bulls anfänglichem Riesenvorsprung von der Konkurrenz so gejagt und überholt zu werden wie Jenson Button im Brawn GP 2009. Der Brite konnte damals nur noch mit Mühe seinen Titel ins Ziel retten.

Dass bei Red Bull aber zumindest leise die Alarmglocken klingen, wurde in Ungarn klar. Nach einem eher schwachen Training am Freitag nutzte das Team zum ersten Mal die Möglichkeit, die vorgeschriebene Nachtruhe von 2 bis 8 Uhr nicht einhalten zu müssen. Vier Mal im Jahr ist das erlaubt, um Extraschraubschichten zu verrichten, etwa bei einem Unfallschaden. Der lag zwar nicht vor, aber immerhin ein Auto, mit demVettel und Webber nicht zufrieden waren. Also ließ man unter anderem im heimischen Werk in Milton Keynes noch einmal ein umfangreiches Simulationsprogramm laufen, um den Problemen auf die Spur zu kommen und die Daten dann direkt auf das Auto am Hungaroring übertragen zu können. Mit Erfolg, wie das Qualifying von Vettel zeigte.

Ohnehin muss Vettel daran interessiert sein, so oft wie möglich vornweg statt im Sicherheitsabstand hinterher zu fahren. Der Red Bull ist zwar in den Kurven das schnellste Auto, eignet sich aber nicht so zum Überholen – dann macht sich die niedrigere Höchstgeschwindigkeit des Autos negativ bemerkbar. Rund neun km/h fehlen da im Schnitt auf der Geraden auf die McLaren. „Wir sind sehr schnell in den Kurven, aber dafür büßen wir ein bisschen ein, was den Speed auf den Geraden angeht“, sagt Vettel. „Das ist eben unsere Herangehensweise.“

Seine Philosophie für den Rest des Jahres ist klar: „Das Ziel, das ich mir setze, ist Rennen zu gewinnen.“ Aber das werde nicht immer möglich sein, und dann wolle er eben „das Beste rausholen, was auch immer das sein mag“.

2Seine Konkurrenten bauen jedenfalls auch nicht darauf, dass Vettel nun den Kopf verliert. „Er muss nur noch vierte oder fünfte Plätze einfahren, um den Titel zu gewinnen“, sagt Fernando Alonso. „Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht, aber wenn ich er wäre und einen Red Bull hätte, wäre ich nicht allzu nervös.“

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