Sport : Gekämpft für den Freund

Die deutschen Turner widmen den Finaleinzug im Mehrkampf dem verunglückten Ronny Ziesmer

Benedikt Voigt[Athen]

Am Ende holten die deutschen Turner eine Fahne heraus, die sie in die Olympiahalle von Athen mitgebracht hatten. Sie liefen zu den deutschen Fans und schwenkten das schwarz-rot-goldene Tuch. Auf die Fahne hatten sie geschrieben: „Für Ronny“.

Ronny Ziesmer, der nach seinem Trainingsunfall in der Olympiavorbereitung querschnittsgelähmt bleiben wird, widmeten die deutschen Turner einen überraschenden Erfolg. „Wir hatten uns geschworen, für ihn zu kämpfen“, sagte Fabian Hambüchen. Es ist ihnen gelungen. Die Riege des Deutschen Turner-Bundes (DTB) qualifizierte sich im Mannschafts-Mehrkampf mit Rang acht (226,980 Punkte) überraschend für das heutige Finale (ab 19.30 Uhr). Besonders bejubelten die Trainer die Leistung von Fabian Hambüchen, der als 21. in das Mehrkampffinale einzog und am Reck sogar das Finale der besten Acht erreichte. „Das war der geilste Wettkampf meiner Karriere“, sagte Fabian Hambüchen. Die dauert übrigens noch gar nicht so lange, der kleine Turner aus Wetzlar ist erst 16 Jahre alt.

Ronny Ziesmer hatte den Wettkampf seiner Teamkameraden im Unfallkrankenhaus Berlin per Digitalfernsehen verfolgt. „Sensationell, klasse gemacht, phänomenal“, soll er laut der Internetseite „gymmedia.de“ gesagt haben. Nach seiner tragischen Verletzung hatte Bundestrainer Andreas Hirsch sein Team umbesetzen müssen. Er nahm Mathias Fahrig in das Team und ließ Fabian Hambüchen an allen sechs Geräten turnen. Eigentlich zählen das Pauschenpferd und die Ringe noch zu Fabian Hambüchens Schwächen. Doch am Samstag turnte der 1,57 Meter kleine Schüler einen fehlerlosen Wettkampf. „Prima“, sagte sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen abgeklärt: „Dafür haben wir zehn Jahre lang trainiert.“

Beinahe wären die deutschen Turner gar nicht zu den Olympischen Spielen nach Athen gefahren. Nach dem schrecklichen Trainingsunfall im Olympiastützpunkt Kienbaum, hatten sie überlegt, ihre Teilnahme in Athen abzusagen. „Doch dann haben sie gesagt: Bei allem Elend – wir wollen zu Olympia“, berichtet Wolfgang Hambüchen. Die Mannschaft ist seitdem eng zusammengerückt. Es half dem Team beim Wettkampf am Samstag offensichtlich. „Es ist psychologisch besser, wenn man nicht für sich kämpft, sondern ein übergeordnetes Ziel hat“, sagt Wolfgang Hambüchen. Mit ihren überraschenden Erfolgen können die Turner Ronny Ziesmer auch finanziell helfen. Fabian Hambüchen nutzte bereits einen Auftritt im ZDF-Sportstudio, um auf das Spendenkonto für seinen schwerverletzten Teamkameraden aufmerksam zu machen.

Für den Deutschen Turnerbund ist das Erreichen der besten Acht sehr wichtig, um weiterhin die größtmögliche finanzielle Förderung zu erhalten. „Jeder weiß, dass im deutschen Sport im Herbst die Stühle gerückt werden“, sagte Sportdirektor Wolfgang Willam, „mit dieser überdimensionalen Leistung haben wir gute Argumente.“ Doch der finanzielle Aspekt interessiert Trainer Hambüchen nicht allein. „Wichtig war, dass die Jungs ihren Wettkampf ohne Fehler hinbekommen haben.“

Im heutigen Mehrkampffinale kann die deutsche Mannschaft nun ziemlich befreit turnen. Unter Druck ist sie nicht. Eine bessere Platzierung als Rang sechs ist allerdings für das deutsche Team eher unwahrscheinlich. „Sie können nur gewinnen“, sagt Wolfgang Hambüchen. Sein Sohn, so glaubt der Vater, könnte im Einzel-Mehrkampffinale am Mittwoch um Rang 20 landen. Aber es gibt ja noch das Reckfinale. „Da wird es spannend“, sagt Wolfgang Hambüchen.

Und falls sein Sohn Fabian sogar eine Medaille holt, dann wird sie auch Ronny Ziesmer gehören.

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