Sport : Geklonte Raser

Skilegende Franz Klammer langweilt sich bei den heutigen Hochgeschwindigkeitsrennen

Frank Bachner

Bad Kleinkirchheim. Die Videoleinwand steht im Gastraum, direkt vor den schweren Tischen, den vielen Pokalen in der Glasvitrine und den Familienfotos an der Wand. Auf der Leinwand rast gerade Franz Klammer die Olympia-Abfahrt herunter. 1976 war das eine verdammt harte Arbeit. Die Piste sieht aus wie eine der schlimmsten Autobahnen der DDR, sie hat Wellen und Schläge, Klammer wird durchgeschüttelt, er muss ständig abfedern. Aber zum Schluss schafft er es. Olympasieger. Das Schlussbild: Klammer mit der Goldmedaille. Die Zuschauer im Gastraum klatschen. Sie sind zu einer der vielen Nachfeiern zu Klammers 50. Geburtstag gekommen. Österreichs unverändert populärster Sportler hat zwar schon am 3. Dezember 2003 Geburtstag gehabt, aber hier, im Gasthaus seiner Eltern in der Nähe von Bad Kleinkirchheim in Kärnten, feiern sie ihn auch noch Ende Januar.

Klammer hat sich ziemlich gebannt selber zugesehen, er kann das, obwohl er seinen Gold-Lauf schon x-mal gesehen hat. Er kann das wohl auch deshalb, weil er hier die gute alte Abfahrerzeit sieht. Denn „die Abfahrt von heute ist doch keine richtige Abfahrt mehr“, sagt er. „Heutige Abfahrtsrennen sind für die Zuschauer nicht mehr attraktiv.“ Die Carving-Ski, die einen engen Kurvenradius erlauben, seien vor allem schuld daran. „Früher musstest du dir deine Linie selber suchen, da hast du dann die entscheidenden Sekundenbruchteile herausgefahren, aber heute fahren die ja praktisch alle die gleiche Linie. Die Technik bestimmt jetzt die Linienführung und den Fahrstil.“ Und bevor er in einen Kuchen beißt, sagt er noch ironisch : „Mit Carvern kann sogar ich Kurven fahren.“

Er konnte natürlich auch ohne Carving-Ski Kurven fahren, aber vor allem hatte er den größten Mut von allen. Deshalb gewann er ja auch im Weltcup fünfmal die Abfahrts-Gesamtwertung. „Früher hast du Mut gebraucht, heute kannst du mit Routine viel wettmachen“, sagt Klammer. Früher zum Beispiel habe die Kompression in Val d’Isere eine dieser Mutproben dargestellt. „Da sind wir 70 Meter gesprungen.“ Heute aber umfahre man diese Stelle quasi. Die Tore wurden um ein paar Meter versetzt, gezwungenermaßen, weil die Geschwindigkeit in den Kurven sonst zu hoch wäre. Die zweite Mutprobe in Val d’Isere war der Collombinhügel. „Da ist einer mal 110 Meter gesprungen“, sagt Klammer. Heute aber werde der Hügel auch umfahren.

Die Strecken müssten wieder mehr Schläge und Wellen bekommen, sagt Klammer. Das verringere die Geschwindigkeit. Aber weil die Pisten längst maschinell präpariert würden, „sind alle bretteben. Deshalb sehen alle Strecken ja auch fast gleich aus.“ Die Nachwuchsfahrer, sagt Klammer, müssten heute doch keine Sprüngen mehr können. Jedenfalls nicht die weiten Sprünge, 60, 70 Meter weit. „Denen bringt man nur noch bei, wie man gut gleitet und aus den Kurven beschleunigt.“

Na ja, mal Vorsicht, sagt Max Rauffer, neben Florian Eckert der derzeit beste, im Moment aber verletzte, deutsche Abfahrer. Der Collombinhügel in Val d’Isere? „110 Meter sprang dort keiner. Sonst wäre er im Flachen gelandet. Ich will mich nicht mit Klammer vergleichen, aber da übertreibt er ein wenig. Und in der Kompression springen wir immer noch.“ Er hat auch keine Probleme mit den Carving-Ski. Die Fahrer stehen jetzt in der Bindung auf kleinen Platten, die mit den Carvern eine bessere Kurvenfahrt erlauben. „Ich bin froh darüber. Dann gerät der Schuh nicht so schnell in den Schnee. Wenn das passiert, kommt’s zum Sturz, weil die Kante nicht mehr greift.“

Stimmt ja, sagt Klammer. Aber durch die extrem hohe Kurvengeschwindigkeit mit den Carvern „führt ja fast jeder Sturz zu einer Verletzung. Früher sind wir auch viel gestürzt, aber da ist kaum etwas passiert.“ Auf der Videoleinwand liefert er später ein paar Beweise. Er hat einen Film mit spektakulären Stürzen bei Abfahrten zusammengestellt. Wie Puppen werden die Fahrer durch die Luft katapultiert. „Keinem ist etwas passiert“, sagt Klammer. Am schlimmsten sehen die Saltos des letzten Fahrers aus. Der knallt in einen Fangzaun, bleibt kurz liegen und steht dann wieder auf. Er schüttelt sich kurz und signalisiert mit einer matten Geste: Alles okay. Es ist Franz Klammer.

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