Sport : Gelassen Silber

Sven Fischer wird bei der Biathlon-WM Zweiter – auch das Team überzeugt

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Sven Fischer sah nichts, nicht die Videoleinwand im Biathlonstadion von Hochfilzen, nicht die Ergebnisse auf der Anzeigetafel, nicht den Zieleinlauf. Mit der Nummer 13 von 115 Athleten war er in das Sprintrennen über 10 Kilometer gegangen, und als er im Ziel in Führung lag, hieß das noch nicht sonderlich viel – schließlich hatten die lauftstarken Norweger alle sehr hohe Startnummern. Dennoch musste der 33-Jährige viele Interviews geben und erzählen, wie er sich fühlt. Keine leichte Aufgabe. „Ich habe versucht, alles zu geben und nicht an irgendwelche Platzierungen zu denken“, sagte Fischer. In diesem Moment schrien die rund 8000 Fans fünfmal in Folge kurz auf, einmal bei jeder Scheibe, die Ole Einar Björndalen traf, als er das zweite Mal an den Schießstand kam.

Der Norweger war der Einzige, der sich noch an Sven Fischer vorbeischob. Er gewann mit 10,5 Sekunden Vorsprung Gold vor dem Thüringer und dem überraschend starken Letten Ilmars Bricis. Da die WM-Rennen auch als Weltcuprennen gewertet werden, übernahm Fischer im Gesamtweltcup die Führung vom Franzosen Raphael Poiree, der nur Rang 13 belegte. Björndalen, der zuletzt sechsmal in Folge siegte, darf sich nun doch noch Weltmeister nennen. Bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf hatte er eine Langlaufmedaille klar verpasst und sich nicht für die norwegische Staffel qualifizieren können – sie wurde ohne ihn Weltmeister.

Froh war auch Bundestrainer Frank Ullrich, hatten doch Michael Greis als Sechster und Ricco Groß als Siebter die starken Leistungen der Deutschen im ersten WM-Rennen komplettiert. Andreas Birnbacher, der sich krank fühlte, wurde 56. „Schade, dass es so knapp zu Gold war, aber das war eine fantastische Mannschaftsleistung“, sagte der Bundestrainer, „wir haben uns vorgenommen, in allen WM-Rennen um eine Medaille zu laufen, und das haben die Jungs umgesetzt. So könnte es weitergehen.“ Schon im bisherigen Saisonverlauf hatten die deutschen Biathleten gezeigt, dass sie nicht nur von der Leistung eines Einzelnen abhängig sind. Der 28-jährige Greis hatte Anfang Februar in San Sicario (Italien) das erste Weltcuprennen seiner Karriere gewonnen. Für Groß, den zweifachen Weltmeister von Oberhof 2004, war die Saison bisher nicht so verlaufen wie gewünscht. Frank Ullrich hatte auf die große Erfahrung des 35-Jährigen gesetzt, der in Tirol seine elfte WM bestreitet. Ullrich behielt Recht, nur einmal in diesem Winter war Groß im Sprint besser als gestern.

Vor einem Jahr bei der WM in seiner Oberhofer Heimat hatte Sven Fischer mit der Staffel Gold geholt, war aber in Einzelrennen nicht über Platz acht hinausgekommen. Für Schlagzeilen hatte er nicht in, sondern neben der Loipe gesorgt, als er nach einem der WM-Rennen mit Laufkleidung und Startnummer in den Kreißsaal gestürzt war, um bei der Geburt von Töchterchen Emilia Sophie dabei zu sein. In dieser Saison aber steht der Sportler Fischer im Rampenlicht. Vier Weltcupsiege hatte er bis zur WM gefeiert. Gestern zahlte sich die Erfahrung des Silbermedaillengewinners von Salt Lake City aus. Gleich beim ersten von zehn Schüssen traf er nicht – und blieb ruhig. „Andere resignieren vielleicht, schießen gleich noch mal vorbei, und dann ist das Rennen gelaufen“, sagte Fischer, als er endlich wusste, dass er Silber gewonnen hatte. „Ich habe die nächsten neunmal getroffen. Das ist für die Psyche wichtig.“

Wenn Sven Fischer nach dem heutigen Verfolgungswettkampf das Ziel erreicht hat, kann er sich den Blick auf die Videowand getrost sparen. Wer als Erster die Ziellinie überquert, ist auch Weltmeister. Das Gute für Fischer, Groß und Greis: Gestartet wird in der Reihenfolge des gestrigen Zieleinlaufs, mit dem entsprechenden Abstand auf den Sieger. Fischer geht also 10,5 Sekunden nach Björndalen ins Rennen. Wenn er sich nicht überholen lässt, hat er die zweite Medaille sicher.

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