Sport : Geld macht nicht glücklich

Beim Zweitligisten 1860 München eskaliert der Streit zwischen dem jordanischen Investor und Präsident Dieter Schneider.

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Lang, lang ist’s her. Zu Beginn des millionenschweren Engagements verstanden sich der jordanische Geschäftsmann Ismaik (r.) und 1860-Präsident Schneider prächtig. Foto: dpa
Lang, lang ist’s her. Zu Beginn des millionenschweren Engagements verstanden sich der jordanische Geschäftsmann Ismaik (r.) und...Foto: picture alliance / dpa

München - Stefan Aigner ist ein passabler Profifußballer, ein Leistungsträger beim Zweitligisten TSV 1860 München. Vor allem aber ist Aigner eine Symbolfigur. Er ist nahe dem Trainingsgelände an der Grünwalder Straße aufgewachsen und ein Löwe durch und durch. Doch jetzt hat er genug. Spätestens Ende der Saison will er weg aus München. „Unmenschlich und absolut unfair“ sei es, wie mit dem Vereinspräsidenten Dieter Schneider umgegangen werde. So beschreibt Aigner den Hauptgrund für seinen Entschluss. Es ist die erste persönliche Konsequenz aus einem Machtkampf, der nicht nur die Existenz des krisengeschüttelten Traditionsvereins gefährdet. Die Vorgänge sind für den deutschen Profifußball insgesamt von hohem Interesse. Denn sie bilden ein Lehrstück darüber, welche Probleme der Einstieg eines fußballfremden Investors in einen Verein machen kann.

Der Jordanier Hasan Ismaik ist mit Öl- und Immobiliengeschäften in Dubai zu Vermögen gekommen. Nun will er in Europa Fuß fassen, mit einem Hebel namens 1860. „Kontakte knüpfen“ will er über den Fußball und die schicke Münchner Arena. Außerdem sei er verrückt nach diesem Sport. Weil die Münchner im Frühjahr mal wieder vor der Pleite standen, boten sie die Chance zu einem vergleichsweise günstigen Einstieg in den deutschen Markt. 18,4 Millionen Euro zahlte Ismaik, um 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile an der aus dem Stammverein ausgelagerten Profifußball-KGaA zu erlangen, er wurde damit der erste ausländische Investor in der Bundesliga. „In drei Jahren will ich in der Ersten Liga sein“, sagte er, „und in meinen Träumen will ich in zehn Jahren sein, wo Barcelona jetzt ist, aber realistisch weiß ich, dass dazu alles perfekt laufen muss.“ Wirklich perfekt läuft es noch nicht. 1860 liegt auf Rang sechs der Tabelle. Inzwischen hat Ismaik auch noch die Fanartikel-GmbH erworben und einen Kredit gewährt, so dass seine Investitionen auf etwa 23 Millionen Euro angewachsen sind.

Dafür will er nun nicht nur mitreden, sondern eine für den Verein richtungweisende Personalie erzwingen: Der Präsident muss weg, findet Ismaik. Dieter Schneider heißt der Mann, er ist Sanierer von Mittelstandsunternehmen und Ur- Löwe, so ähnlich wie der Spieler Stefan Aigner. Und Schneider ist sperrig. Aufmerksam wacht er darüber, dass gewahrt bleibt, was aus seiner Sicht die Interessen des TSV 1860 e.V. sind, der – wie es die 50+1-Regel der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorgibt – die Mehrheit an der KGaA hält, mit 51 Prozent.

Es gab immer wieder Spannungen. Der letzte Burgfrieden währte nur ein paar Tage. Dann startete Ismaik über seinen ständig präsenten Statthalter in der vorigen Woche den Frontalangriff. Der Aufsichtsrat des e.V. müsse Schneider zum Rücktritt bewegen, sonst gebe es kein Geld mehr, auch nicht für die drei Winterpausen-Transfers. Vladimir Koman, 22, von Sampdoria Genua, Grzegorz Wojtkowiak, 27, aus Posen und Georgios Tzavellas, 24, von Eintracht Frankfurt wurden plötzlich zur Prämie für Schneiders Rückzug. „Von uns ist die Entscheidung zwischen Pest und Cholera verlangt worden“, beschrieb ein Aufsichtsratsmitglied die Ansage des Investors. Andere sprechen von Erpressung. Sechs Stunden tagte der Aufsichtsrat, bis er sich zu einem Bekenntnis pro Präsident durchgerungen hatte. Einen Tag später erklärte die KGaA einen Transferstopp.

Und was sagt die DFL? Wird bei 1860 versucht, die 50+1-Regel zu verletzen? Mag sein, heißt es aus der DFL-Zentrale. „Aber der Verein besitzt dank der Mehrheit nach wie vor alle Möglichkeiten, seine Rechte durchzusetzen.“ Wie und ob er das mache, sei die Entscheidung seiner demokratisch legitimierten Organe. Außerdem verweist die DFL darauf, dass sie im Frühjahr noch der Buhmann gewesen sei, weil man die Verträge zwischen 1860 und Ismaik so gründlich geprüft habe, dass der Deal zu platzen drohte. In der Tat waren damals in München kaum Bedenken gegenüber dem Investor zu hören.

Eine entscheidende Rolle kommt dem Aufsichtsrat zu. Manche aus diesem Gremium spielen in dem Machtpoker eine undurchsichtige Rolle. Ismaik kann also weiter versuchen, seine Interessen durch die Hintertür durchzusetzen. Wie die Geschichte ausgeht, ist nicht abzusehen. Der Investor bleibt auf Konfrontationskurs. Immer wieder sei durch Indiskretionen aus dem Verein der Ruf Ismaiks geschädigt worden, beklagt dessen Statthalter Hamada Iraki in der Sonnabendausgabe der „tz“. Schneider spiele dabei eine Schlüsselrolle. „Aber wir halten an unserem Plan fest und lassen und von niemandem aufhalten.“ Sebastian Krass

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