Geldstrafe und Suspendierung : Hertha schiebt Ebert in die zweite Mannschaft ab

Bundesliga-Spitzenreiter Hertha BSC hat Patrick Ebert bis auf weiteres suspendiert. Der Mittelfeldspieler darf ab sofort nur noch mit dem U23-Team der Berliner trainieren. Ob der Vorwurf der Sachbeschädigung zutrifft, muss noch geklärt werden.

Sven Goldmann
Ebert
Sanktionen für Patrick Ebert.Foto: dpa

Berlin - Lucien Favre sagt, er habe erst mal eine Nacht drüber schlafen wollen, „so eine Entscheidung kannst du nicht spontan aus dem Bauch fällen“. Er hat wohl schon angenehmere Nächte verbracht, gerade in den vergangenen Wochen. Der Sturm mit Hertha BSC an die Spitze der Fußball-Bundesliga, die Siege über Bayern München und Bayer Leverkusen, die Begeisterung der Berliner, die vielen schönen Schlagzeilen in den Zeitungen … alles weg. Seit Mittwoch, als der Fußballtrainer Favre auf dem Weg zwischen Trainingsplatz und Kabine erfahren hat, welchen Blödsinn sein Mittelfeldspieler Patrick Ebert da mal wieder angestellt haben soll. Geburtstag feiern bis zum frühen Morgen, natürlich mit seinem alten Berliner Kumpel Kevin-Prince Boateng, dazu ein Rencontre mit der Polizei, vielleicht sogar Sachbeschädigung … Favre schließt die Augen und schüttelt den Kopf. Nein, es war keine schöne Nacht.

Am Donnerstagmorgen geht alles ganz schnell. Gegen neun tritt Ebert in der Trainerkabine zum Rapport an. Es wird ein kurzes Gespräch, Favre fasst es in einem Satz zusammen: „Patrick gehört erst einmal nicht mehr zur Mannschaft.“ Er wird versetzt in die U 23, Herthas zweite Mannschaft, die in der viertklassigen Regionalliga spielt. Ebert sei dann gleich wieder nach Hause gefahren, denn die U 23 trainiert erst am Nachmittag.

Beim Auswärtsspiel am Samstag in Stuttgart muss Lucien Favre erstmals seit vier Spielen seine Aufstellung ändern. Vielleicht zieht er Maximilian Nicu hinüber auf die von Ebert verantwortete rechte Seite und stellt dafür Marko Babic nach links. Vielleicht rückt aber auch der lange verletzte Gojko Kacar zurück in die Stammbesetzung. Gedankenspiele, denen Favre sich nur widerwillig widmet.

In der Mannschaft stößt die Suspendierung auf breite Zustimmung. „Es war die einzig mögliche Entscheidung“, sagt Mannschaftskapitän Arne Friedrich. Marko Pantelic ist mit Ebert befreundet, auch er war Gast jener vielleicht verhängnisvollen Geburtstagsparty, hat sie aber früher verlassen. Mit Favre verbindet ihn ein eher distanziertes Verhältnis, aber auch Pantelic findet, „dass der Trainer getan hat, was er tun musste. Aber Patrick bleibt mein Freund, ich stehe zu ihm, auch in schlechten Zeiten. In guten Zeiten ist das ja einfach.“

Wie lange werden die schlechten Zeiten anhalten für den verstoßenen Ebert? „Bis auf Weiteres“, sagt Lucien Favre und blockt die nächste Frage ab, „bitte, ich will nicht mehr darüber sprechen.“ Er spricht dann doch noch ein Weilchen und wird dabei so emotional, wie er es noch nie in seinen bald 21 Monaten bei Hertha gewesen ist. „Das ist eine enorme Enttäuschung für mich, eine große Enttäuschung, wirklich sehr enttäuschend.“ Wieder schüttelt er den Kopf, „als Trainer musst du tolerant sein, das war ich auch, so oft hab ich ihn gelassen. Patrick ist ein guter Junge, aber diesmal ist er zu weit gegangen.“

Hat es in seiner Karriere schon mal einen ähnlichen Fall gegeben? Favre richtet den Blick auf einen imaginären Horizont, man sieht ihm an, wie er die letzten Windungen seines Kleinhirns durchforstet, aber da findet sich nichts. Da war mal was beim FC Zürich mit Blerim Dzemaili, dem hochbegabten Schweizer, den er schon als Zwanzigjährigen zum Kapitän gemacht hat. Nach einem Länderspiel ist Dzemaili mal nicht zum Training gekommen, und Favre war so wütend, dass er ihm sofort die Kapitänsbinde wegnahm. Später stellte sich heraus, dass es ein Missverständnis war, aber selbst wenn nicht – was ist ein verpasstes Training schon im Vergleich zu Eberts Eskapaden?

Favre hätte Ebert gern zu seinem Berliner Dzemaili gemacht. Zu einem Profi, der sich nur noch auf seinen Job konzentriert, der mit seiner Schnelligkeit und seinem Ballgefühl interessant wird für die Nationalmannschaft. „Wir haben viel Zeit verloren“, sagt Favre. Daraus darf man wohl schließen, dass die Tür noch nicht zu ist. Aber eben auch nur dann, wenn sich alle weiteren Vorwürfe in Luft auflösen. Die Suspendierung vom Profiteam und die „empfindliche Geldstrafe“ (Manager Dieter Hoeneß) betreffen nur den nächtlichen Ausflug als solchen. Sollte Ebert aber auch Schuld sein an den fünf abgeschlagenen Autospiegeln, an den Lackschäden und dem umgeworfenen Motorroller, dann wäre seine Zeit bei Hertha wohl vorbei. In diesem Fall hätte er seinem Trainer auch noch dreist ins Gesicht gelogen, und so etwas verzeiht Lucien Favre nicht.

Den Vorwurf der Sachbeschädigung bestreiten Ebert und Boateng. Angeblich gibt es Zeugen. Neben dem Wachmann, der die Polizeistreife verständigt hat, soll jemand von einem benachbarten Balkon aus zugeschaut haben. Die Berliner Polizei teilte mit, es liege eine Anzeige wegen Sachbeschädigung vor. In den kommenden Tagen würden Zeugen und Beschuldigte zur Befragung vorgeladen. Am Ende entscheide wie immer die Staatsanwaltschaft, ob es zu einer Einstellung des Verfahrens oder zu einer Anklage kommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar