Sport : Geliebt und gehasst

Bayerns Champions-Legue-Gegner Tel Aviv spaltet die israelische Öffentlichkeit

Raphael Honigstein[Tel Aviv]

Am Sonntag war sie endlich da, die glitzernde Fußballwelt, ein paar Tage also vor dem heutigen Spiel gegen den FC Bayern München. Im leicht schäbigen Trainingszentrum im Süden Tel Avivs, wo kleine Werkstätten und veraltete Industriebetriebe den Blick auf den Strand verstellen, bekamen die Maccabi-Spieler ihre offiziellen Champions-League-Anzüge, Marke „Bagira“, verpasst: Die feine Sakko-Hosen-Kombination, das muss man wissen, ist in dem heißen Land mit den lockeren Umgangsformen ungefähr so verbreitet wie der Schottenrock in Oberbayern.

Kaum einer konnte sich die Krawatte selber binden, der Spieler Erez Mesika gefiel sich in dem dunklen Anzug so gut, dass er verkündete, am 12. April darin heiraten zu wollen. Doch dann erinnerte ihn leider jemand, dass für dieses Datum das Viertelfinale der Champions League auf dem Plan steht, und die Miene des unerschütterlichen Optimisten verfinsterte sich. „Kann gut sein, dass wir das verschieben müssen“, sagte Mesika ernst. Es war nicht ganz klar, ob er das Spiel oder die Hochzeit meinte.

Elon Herzikovic möchte von Terminproblemen nach der Provinzposse um die Anstoßzeit in Tel Aviv naturgemäß nichts mehr hören. „Die Sache ist für uns erledigt“, sagte der Vereins-Präsident am Montag freundlich, der oberste Gerichtshof hatte gerade eine Klage einer orthodoxen Interessensgruppe abgeschmettert, die durch das Match jüdische Werte verletzt sah. Das Nationalstadion im Vorort Ramat Gan dürfte trotz des Neujahrsfestes heute Abend mit rund 30 000 Zuschauern sehr viel besser gefüllt sein als zunächst befürchtet. Fußballfans sind in Israel in der Regel eher nicht religiös – Ligabetrieb.

Maccabi gilt wie der Gegner aus München als der größte und mächtigste Verein im Land. Rivalen klagen, dass Präsident Herzikovic hinter den Kulissen den Verband mit ihm wohlgesonnenen Personen beherrscht. Das letzte Spiel der Saison 2002/03, eine Auswärtspartie, wurde beispielsweise auf wundersame Weise ins Nationalstadion verlegt. Maccabi gewann das Match und den Titel auf Grund des besseren Torverhältnisses. Auch nach einer Dopingaffäre vor vier Jahren kam der Klub erstaunlich glimpflich davon.

Wie die Bayern hat Maccabi 18 Meistertitel gewonnen, selbst das berühmte bajuwarische „Sieger-Gen“ ist den Spielern in Blaugelb attestiert worden. Man sonnt sich gern im Glanz der erfolgreichen Basketball-Kollegen, die erst vor kurzem wieder die Europaliga gewonnen haben und der Stolz des Landes sind. Das reiche und als arrogant verschriene Maccabi wird in gleichem Maße geliebt und gehasst.

Sogar die eigenen Fans polarisiert der Verein. Als Trainer Nir Klinger im Sommer 2003 Avi Nimni, den alternden Superstar des Kaders, aus der Mannschaft warf, sangen die Anhänger wochenlang die übelsten Schmählieder. Die eigenen Spieler wurden ausgebuht, bewaffnete Polizeieinheiten mussten die Trainerbank von dem Unmut der Fans schützen. Selbst der amerikanische Botschafter kam nicht zur Ruhe: Rowdys belagerten die Nobelvilla des Präsidenten neben der Residenz des Diplomaten in Herzliya.

Erst seit Klinger das Team in die Champions League gebracht hat, sind die Fans auf seiner Seite. Trotz einem für Liga-Verhältnisse üppigen Budget hat der ehemalige Mittelfeldstratege den Erfolg ohne große Stars erreicht. Eine Hand voll junger Spieler wie Stürmer Liran Cohen, die noch in der Armee sind, verdienen lediglich ein Soldatengehalt – knapp 600 Euro im Monat. Cohen, 21, hat mit seinen Toren in der Qualifikation dem Verein Millionen eingebracht, fährt aber nach dem Training mit dem Bus nach Hause.

„Wir wollen das Uefa-Geld in die Infrastruktur stecken, wir müssen professionellere Bedingungen schaffen, dann ist mittelfristig in Israel vieles möglich“, sagt Herzikovic. Die Einstellung der Profis ist in der Tat trotz des harten Regimes von Klinger noch verbesserungswürdig: Mitten in der abgelaufenen Spielzeit traten drei Maccabi-Fußballer, darunter der wegen Hämorriden vom Training krank geschriebene Reuven Oved, abends auf einem Schulplatz gegen die Kleinfeldmannschaft „Die Eulen“ an. Die Freizeitkicker gewannen.

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