Sport : Gemeinsam schneller

Ein neuer Teamgeist beschleunigt die deutschen Sprinter von Bundestrainer Uwe Hakus

Frank Bachner[Braunschweig]

Der Satz, der aus den Boxen dröhnte, hatte etwas Brutales: „Die Zeit wird bestätigt.“ Die 10,22 Sekunden, mit denen Ronny Ostwald gerade Deutscher Meister über 100 m geworden war, elektronisch gemessen, ist also offiziell. Sie wird nicht auf 10,21 Sekunden verbessert. 10,21 Sekunden hätte die Qualifikation für das 100-m-Einzel-Rennen bei den Olympischen Spielen bedeutet. Ronny Ostwald hat diese Chance um eine Hundertstelsekunde verpasst. Er presste die Lippen zusammen, hob kurz die Siegerfaust zum Publikum, dann verschwand er in den Katakomben des Braunschweiger Stadions. Er ist für die Staffel für Olympia qualifiziert. Aber das half ihm nicht wirklich.

Uwe Hakus hatte Mitleid mit Ostwald. Er trainiert ihn in Berlin. Andererseits freute sich Hakus auch. Er ist auch Bundestrainer Sprint, er registrierte zufrieden, dass vier Sprinter im Finale unter 10,40 Sekunden geblieben waren. Bei den deutschen Meisterschaften 2002 war gerade ein Sprinter unter 10,40 Sekunden geblieben.

Natürlich hat Hakus keine Sprinter, die in die Weltspitze vordringen. Er hat sie jetzt nicht und wird sie auch in absehbarer Zeit wohl nicht haben. Aber das ist nicht der Punkt. Hakus hat jetzt im Sprint eine Leistungsbreite, wie sie bis vor wenigen Jahren unmöglich erschien. Und: Die Athleten haben Teamgeist. „Nur mit diesem guten Klima hat man überhaupt Chancen auf Erfolge. Von diesem Teamgeist profitieren alle“, sagte er. Sechs Athleten sind in dieser Saison unter 10,40 Sekunden geblieben. Nach der Saison 2003 waren es sogar sieben. Till Helmke wurde 2003 Vize-Junioreneuropameister über 100 m, Sebastian Ernst Junioreneuropameister über 200 m. „Und Ostwald ist in Cuxhaven schon 10,24 Sekunden bei starken Gegenwind gelaufen“, sagt Hakus. „Bei Windstille hätten das 10,10 Sekunden bedeutet.“

Das ist so eine Art Schallgrenze. „Diese Zeit wollen wir erreichen, das ist der Anspruch“, sagt Hakus. Alexander Kosenkow war schon mal nahe dran. 10,14 Sekunden im vergangenen Jahr, ein Jahr zuvor hatte er noch eine Bestzeit von 10,25 Sekunden. Auch über 200 m haben die deutschen Sprinter enorm zugelegt. Till Helmke, gerade mal 20 Jahre alt, führt die Rangliste 2004 mit 20,47 Sekunden an. Bestleistung 2003: 20,86 Sekunden. Tobias Unger ist auch schon 20,41 Sekunden gelaufen, in diesem Jahr liegt er bei 20,52 Sekunden. Fünf Sprinter liegen derzeit unter 20,80 Sekunden. Nach der Saison 2003 waren es nur drei.

Die Zeiten sind nicht gewaltig, wenn man die Weltrangliste sieht. Aber die Resultate sind beachtlich, wenn man sieht, wie die deutsche Sprintszene vor einigen Jahren ausgesehen hat: Die Kornwestheimer Sprinter redeten kaum mit den Wattenscheidern, die Heimtrainer hüteten ihre Trainingspläne, und das Verhältnis der Heimbetreuer zu Bundestrainer Winfried Vonstein war so herzlich wie zwischen Kanzler Schröder und Verdi-Chef Bsirske. Deshalb kam Hakus. Er hatte bis dahin ein starkes Hürden-Sprintteam aufgebaut, eine Mischung aus Routiniers und Talenten. Das Gleiche machte er jetzt bei den Sprintern. Es war eine mühsame, eine jahrelange Arbeit. Erst wertete er die Heimtrainer auf, indem er ihnen zuhörte. Jeden Abend sitzt er in Trainingslagern mit ihnen zusammen. Dann baute er das Misstrauen zwischen den Athleten ab. Irgendwann kamen sie zu den Trainingslagern und den Wochenend-Lehrgängen, die er abhielt. „Früher wurden solche Maßnahmen auch angeboten“, sagt Hakus. „Aber niemand kam."

Hakus baute einen Mann wie Ronny Ostwald langsam, aber gezielt auf. Ostwald ist erst seit vier Jahren Sprinter, vorher spielte er Fußball. Vor zwei Jahren noch machte Ostwald halbe Kniebeugen mit 180 kg, jetzt mit 270 kg. Und Hakus legt Wert darauf, dass die Talente mit den Routiniers ins Trainingslager gehen. So lernen die Jüngeren von den Älteren und fordern sie gleichzeitig.

Nur einer ließ sich nicht einbauen in das Team und stürzte ab. Tim Goebel galt vor ein paar Jahren als größtes Talent des deutschen Sprints. Er war 17, als er Deutscher Hallenmeister wurde. Aber dann stieg ihm die eigene Bedeutung zu Kopf, er widersprach seinem Trainer Benno Eicker so oft, bis der entnervt aufgab. In Braunschweig war Goebel nicht mal im Finale.

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