Sport : Gemeinsame Sache

Der Bundestrainer und die Liga-Manager wollen heute ihren Streit um die Nationalmannschaft beilegen

Stefan Hermanns[Robert Ide],Michael Rosentritt

Berlin - Es war ein Bild von seltener Eintracht: Jürgen Klinsmann und Rudi Völler saßen am Sonntag beim Bundesligaspiel zwischen Leverkusen und Stuttgart nebeneinander auf der Tribüne. Es war auch ein Bild von seltener Symbolik: Der Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft saß nicht neben seinem Vorgänger, sondern neben einem hohen Funktionär der Bundesliga. Völler ist inzwischen Sportdirektor in Leverkusen. Arrangiert hatte das alles ein Fußballfunktionär, der sich sonst selten als Platzanweiser verdingt. Wolfgang Holzhäuser, Bayers Geschäftsführer, wollte für etwas Entspannung vor dem Treffen zwischen Bundesliga und Bundestrainer am heutigen Dienstag in Frankfurt am Main sorgen. Seit Wochen werfen sich Vereine und die Leitung der Nationalmannschaft gegenseitig fehlende Kompetenz und mangelnde Kommunikation vor. Viele Klubs beklagten, dass Klinsmann nach Länderspielen lieber zurück in seine kalifornische Heimat fliegt, als noch Bundesligaspiele zu sehen. Da tauchte der Bundestrainer überraschend auf der Tribüne auf – die Kritik war fürs Erste abgefedert.

Holzhäuser gehört heute in Frankfurt am Main zu den Einladenden. Er ist Vizepräsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), und in dieser Funktion sorgt er sich um ein konstruktives Miteinander zwischen Liga und Nationalmannschaft vor der WM 2006. „Der Bundestrainer muss enger kommunizieren“, mahnt Holzhäuser, der ein „klimatisches Gespräch“ erwartet. „Ich hoffe, dass wir durch direkte Kommunikation zu mehr Gelassenheit auf beiden Seiten kommen.“

Viele Funktionäre sehen Handlungsbedarf. „Die öffentliche Diskussion muss ein Ende haben“, fordert DFL-Präsident Werner Hackmann, der das Treffen arrangiert hat. „Das Verhältnis zwischen Nationalmannschaft und Bundesliga muss auf eine bessere Grundlage gestellt werden.“ Damit ahmt Hackmann die konkrete Kritik vieler Vereine in allgemeinen Worten nach. Vor allem die Frage, ob Klinsmann seinen ersten Wohnsitz nicht zumindest im WM-Jahr von den USA nach Deutschland verlegen sollte, treibt viele um. Klinsmann wehrte sich dagegen am Montag in mehreren Interviews: „Es bleibt dabei, erster Wohnsitz ist Los Angeles, zweiter Wohnsitz ist Stuttgart.“ Eine Kompromisslinie könnte nun sein, dass Klinsmann sich im Frühjahr 2006 mehrmals in Deutschland aufhalten soll. In dieser Zeit finden nur zwei Länderspiele statt: am 1. März in Italien und am 22. März in Dortmund gegen die USA. Bei seinen Aufenthalten könnte sich Klinsmann mit den Vereinen treffen und Vertrauen aufbauen. Das aber wird schon beim heutigen Treffen nötig sein.

Die Kritik aus der Liga hat Klinsmann häufig als polemisch empfunden. „Das ging nicht in die sportliche Richtung“, beklagte der Bundestrainer. Er will nun den Vereinen sein WM-Konzept vorstellen. Dazu dürften auch die umstrittenen Fitnesstests der Nationalspieler sowie die Torhüter-Rotation und die späte Benennung des WM-Kaders gehören. Die Planungen hatten Klinsmann und sein Manager Oliver Bierhoff im Oktober 2004 nur der Verbandsspitze um die Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger sowie den Vertretern der Landesverbände erläutert, nicht aber im Detail den Liga-Vertretern. „Vielleicht erklärt die Vorstellung des Konzepts schon einiges“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Aber es gibt Punkte, die wir ansprechen werden.“ Es gehe nicht darum, Jürgen Klinsmann zu soufflieren, wer spielen müsse, „sondern einige Baustellen ringsum zu schließen“.

Den Willen der Klubs um Mitsprache zweifelt selbst Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff nicht mehr an. „Um eine perfekte WM zu spielen, sollten wir alle auf Eitelkeiten verzichten“, sagte Bierhoff. „Damit meine ich auch uns als Teamführung der Nationalmannschaft.“ Genau diese Einsicht erwarten die Klubs auch von Klinsmann. „Ich möchte, dass jeder so einsichtig ist, Fehler zu benennen und abzustellen“, sagt Schalkes Manager Rudi Assauer, der sich in Frankfurt von Teammanager Andreas Müller vertreten lässt.

Dass Klinsmann sich in seine Arbeit hineinreden lässt, erwarten die meisten Beteiligten nicht. „Jürgen Klinsmann hat eine Linie, die muss er auch gegen Widerstände verteidigen“, sagt DFB-Präsident Zwanziger. „Er muss aber hinterfragen, ob es Kritik gibt, die gerechtfertigt ist.“ Hier dürfte es Diskussionsbedarf geben. Während Vereinsmanager fordern, Klinsmann solle sein Fitnesstraining mit den Klubs abstimmen, verbietet der sich eine Einmischung. „Was bis zum Confed-Cup im Sommer gut war, kann jetzt nicht alles falsch sein“, sekundiert Gerhard Mayer-Vorfelder, der für die Nationalmannschaft zuständige DFB-Präsident.

Eine Geste der Gemeinsamkeit erwarten nun alle Seiten voneinander. Klinsmann ist offenbar dazu bereit. Am Abend will er wieder in einem Bundesliga-Stadion sitzen. In Frankfurt er sich für das Pokalspiel gegen Schalke angesagt.

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