Sport : Generalamnestie für Adnan K. (Glosse)

Benedikt Voigt

Dies dürfte der richtige Zeitpunkt sein, um an den DFB mit einer Bitte heranzutreten. Schließlich neigen Jubilare an ihren Festtagen zu größerer Nachsicht. Wann also, wenn nicht heute zum hundertjährigen Bestehen dieses Verbandes, ist die Gelegenheit, Verfehlungen zu gestehen und um Gnade zu bitten? 6,3 Millionen Mitglieder zählt der Deutsche Fußball-Bund - manche Länder haben weniger Einwohner. Und was gewähren Staaten dieser Größenordnung für gewöhnlich, wenn sie ihren 100. Geburtstag feiern? Richtig: eine Generalamnestie.

Es war nämlich so. Immer schon hatte unsere B-Jugend Schwierigkeiten, elf Spieler zusammenzubekommen. Das lag zum einen an diesem Vereinsnamen: SC Grüne Heide. Das hört sich nach Pampa an, und - das war der andere Grund für unsere Personalnot - wir spielten auch so. Wahrscheinlich sogar schlechter, denn Südamerikaner können normalerweise vernünftig mit dem Fußball umgehen. Wir waren also ganz froh, als eines Abends Adnan K. im Training erschien, und wir waren ebenso froh, als der Türke den ersten Ball traf, der vor seine Füße rollte. Dass er mit seinem Schnauzbart ein wenig anders aussah als wir mit schüchternem Oberlippenflaum, gab noch keinen Anlass zur Skepsis. Ein wenig wunderte uns allerdings, dass Adnan K. nach dem Training einen Schlüssel aus seiner Jacke herauszog, in ein Auto stieg und davonbrauste.

B-Jugend-Fußball, das muss man vielleicht dazusagen, ist ein Spiel zwischen 15- oder 16-Jährigen. Seit Adnan K. bei uns spielte, war diese Altersbegrenzung großzügig ausgehebelt. Bald kursierten Gerüchte, Adnan K. sei 21 oder 22 Jahre alt und habe eine Frau und zwei Kinder. Das erklärte auch, warum er sich nach dem Training immer so schnell verdrückte. "Eine Frau und zwei Kinder", flüsterten wir uns ehrfürchtig zu, denn das war eine andere Welt. Wir schlugen ja schon nervös am Ball vorbei, wenn die beiden Dorfschönheiten an unserem Fußballplatz vorbeispazierten. Obwohl, eigentlich schlugen wir immer vorbei.

Nun unser Ansinnen. Lieber DFB, Du kennst das Geheimnis: Adnan K. kickte mit gefälschtem Spielerpass. Werte ruhig all unsere Spiele aus der Saison 85/86 als verloren. Das waren sie ja sowieso. Aber bitte, lass uns zu Deinem 100-jährigen Jubiläum wenigstens das 2:1 in Oberding. Es war der einzige Erfolg. Wir waren so stolz, und Adnan K. weilte an jenem Tag bei Frau und Kindern. Ehrenwort.

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