Sport : Genie und Genießer

Der in Berlin lebende Lewon Aronjan lässt es locker angehen und schlägt trotzdem die Größen des Schachs

Martin Breutigam

Berlin - Der Mann, der die neue Leichtigkeit im Schach verkörpert, wohnt in einem Plattenbau in Berlin-Hohenschönhausen. Lewon Aronjan lebt schon seit ein paar Jahren in der deutschen Hauptstadt, und seit ein paar Monaten verblüfft der 23-jährige Armenier die Schachwelt mit seinen Erfolgen. Am Samstagabend hat er in der Schlussrunde in Linares (Spanien) Peter Leko besiegt und damit das Traditionsturnier gewonnen – vor Weltmeister Wesselin Topalow und anderen Größen.

„Ich habe das nicht erwartet, weil ich überhaupt keine Erwartungen habe. Ich will das Leben als Schachspieler einfach genießen“, sagt Aronjan. „Es war eine schöne Zeit. Jetzt fahre ich zurück zu meiner Familie nach Berlin.“ Solche Worte sind typisch für ihn. Er behauptet, er trainiere fast nie und bereite sich auf jede Partie nur eine halbe Stunde vor. Damit während des Kampfes der Kopf frisch bleibt.

Doch kann man wirklich so locker und erfolgreich zugleich sein? Alle, die bislang glaubten, Weltklasse könne nur mit überragendem Talent, einer geopferten Jugend und harter Kopfarbeit erreicht werden, sollten einmal Aronjan hören. Oder ihm beim Denken zusehen, wenn seine braunen Augen entspannt durch die randlose Brille aufs Schachbrett blicken, den Kopf dabei manchmal von einer Hand am wuchtigen Kinn gestützt. In dieser Pose kennt man den Spitzenspieler des SC Kreuzberg, so hat er im vergangenen Jahr auch das Topturnier in Stepanakert gewonnen und den Weltcup im sibirischen Chanty-Mansijsk. Dass Aronjan es aber ohne die übliche Quälerei auf Rang fünf der Weltrangliste geschafft haben könnte, bezweifeln viele seiner Kollegen. Ist er nur ein Naturereignis oder auch ein koketter Geschichtenerzähler, der das Image des faulen Genies pflegt? „Nein, was ich sage, ist immer sehr ernst gemeint, das sind keine Witzchen“, sagt Aronjan. „Zu Hause trainiere ich wirklich nie. Nur hin und wieder gehe ich mit meinen Freunden in ein Trainingslager, das letzte liegt aber schon ein Dreivierteljahr zurück.“

Vor fünf Jahren verließ er mit seinen Eltern und seiner Schwester, die ihm im Alter von neun Jahren das Schachspielen beigebracht hatte, die Heimat. In Deutschland sei das Leben sicherer und die Perspektive als Schachprofi besser, sagt er. Er war schon Junioren-Weltmeister; ob es auch zum höchsten WM-Titel reichen könnte, beschäftigt ihn offenbar nicht. Er will sich nicht unter Druck setzen, sondern lieber genießen – das Schachspielen und das Leben sowieso.

Seine größte Qualität? „Ich habe einen sehr starken Glauben an mich.“ Aronjan sieht sich als einen aktiven, dynamischen Spielertypen. Ungewöhnlich für seine Herkunft und Generation ist auch sein Vorbild: Am stärksten beeinflusst hätten ihn nicht etwa Fischer, Karpow oder Kasparow, sondern der originelle Däne Bent Larsen, in den Sechzigerjahren der beste Westeuropäer. Von den aktiven Spielern schätzt er Wassili Iwantschuk und Wesselin Topalow am meisten. „Iwantschuk wegen seiner Hingabe zum Schach, und Topalow, weil der einfach zu stark ist.“ Bei dieser Antwort muss er doch ein bisschen lachen, schließlich hat er die beiden gerade hinter sich gelassen.

In Armenien ist Aronjan mittlerweile ein Star, er möchte dennoch in Berlin bleiben. Vielleicht nicht immer Hohenschönhausen. Obwohl: „Es ist gut, da zu leben.“

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