Sport : Genug gekämpft: Wir woll’n euch spielen sehen

Regisseur Sönke Wortmann reproduziert Klischees über den deutschen Fußball – ein Vergleich mit dem französischen WM-Film 1998

Stefan Hermanns

Berlin - Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Jürgen Klinsmann während der Fußball-WM bemerkenswerte Ansprachen an seine Mannschaft gehalten hat. In Sönke Wortmanns Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kann man sich zurzeit ein eigenes Bild davon machen. Es stimmt, Klinsmanns Ansprachen sind in der Tat bemerkenswert: Sie erreichen locker Kreisliga-B-Niveau. Der Autor weiß, wovon er spricht. Er hat selbst in der Kreisliga B gespielt, und da ist in der Kabine gerne mal davon die Rede, dass der Baum resp. Rasen brennen müsse und der Gegner sowieso mal richtig eins auf die Fresse verdient habe. Dann geht man raus und lässt den ersten Ball über den Fuß ins Seitenaus rutschen.

Eigentlich ist es eine erschreckende Erkenntnis, dass Jürgen Klinsmann zu hoch bezahlten Profis so spricht, als handelte es sich um tumbe Kreisligakicker: Die Polen werden durch die Wand geknallt, Ekuador kriegt eins auf die Fresse, die Argentinier haben Muffe und so weiter. Wortmanns filmische Dokumentation gilt inzwischen als nachträgliche Rechtfertigung dafür, dass Klinsmann gar nicht anders konnte, als sein Amt nach der Weltmeisterschaft zur Verfügung zu stellen: Der Bundestrainer habe sich total verausgabt, sei ausgebrannt, auf diesem Niveau habe er gar nicht ewig weitermachen können. Blödsinn! Welches Niveau denn?

Dass es auch anders geht, zeigt der Film, den Wortmann immer wieder als Inspirationsquelle nennt: „Les yeux dans les bleus“ von Stéphane Meunier, der die französische Nationalmannschaft 1998 auf ihrem Weg zum WM-Titel mit der Kamera begleitet hat. Aimé Jacquet, der Trainer der Franzosen, erscheint in diesem Film wie eine Art Anti-Klinsmann. In Deutschland, am DSF-Stammtisch, würde jemand wie Jacquet mit seiner zurückhaltenden, fast nachdenklichen Art von den Latteks und Baslers vermutlich, um es mal mit ihren Worten auszudrücken, „an die Wand genagelt“. Jacquet spricht stets leise und findet bei seinen Spielern trotzdem Gehör, er verwechselt Leidenschaft nie mit Lautstärke. Klinsmanns Pathos wirkt im Vergleich dazu nur noch hohler.

Im deutschen Fußball wird die Macht des Wortes immer noch maßlos überschätzt, und Wortmanns Film hilft dabei, diesen Irrglauben weiter zu zementieren. Man könnte auch sagen: „Deutschland. Ein Sommermärchen“ reproduziert die alten Klischees vom deutschen Fußball, er erzählt Fußball auf Udo-Lattek-Niveau – und alle freuen sich darüber. Hans Meyer, einer der klügsten deutschen Trainer, hat sich schon häufiger über der Deutschen liebsten Schmähgesang echauffiert. Was rufen die Fans, wenn ihre Mannschaft nichts auf die Reihe kriegt? „Wir woll’n euch kämpfen sehen.“ Eigentlich, so sagt Meyer, müssten sie rufen: Wir woll’n euch spielen sehen. Sinnfreies Laufen kriegt auch der größte Grobmotoriker gerade noch hin. Der deutsche Fußball hat laut Meyer kein Willensproblem, der deutsche Fußball hat ein Spielproblem.

Das Traurige ist, dass gerade Jürgen Klinsmann für den Bruch mit den unseligen Traditionen stand, dass er nicht nur ein paar große Worte hatte, sondern eine Idee, ein System und einen Plan. Nach Wortmanns Film muss man sich fragen: Hat er uns die ganze Zeit belogen? Hat Klinsmann vor allem die arglistig getäuscht, die seinen Reformkurs, seinen Sprung in die Moderne wohlwollend begleitet haben? Die Antwort ist wahrscheinlich banal. Vermutlich hat Wortmann in seinem Film nur einen Teil der Realität abgebildet, einen von mehreren Klinsmanns gezeigt, und zwar den, der sich filmisch am vermeintlich besten und spektakulärsten darstellen lässt. Über die taktische Vorbereitung der Mannschaft, einen der zentralen Punkte im System Klinsmann, und die Einstellung auf den nächsten Gegner war in den Pressekonferenzen mit Joachim Löw während der WM mehr zu erfahren als beim so genannten Blick durch das Schlüsselloch in Wortmanns Werk.

Vielleicht bekommt jedes Land den Fußballfilm, den es verdient hat. In „Les yeux dans les bleus“ beeindruckt, über welch starke Persönlichkeiten das französische Team verfügt hat, während bei Wortmann Bastian Schweinsteiger stets gut gelaunt die filmische Führungsrolle übernehmen darf. In der Halbzeit des WM-Finales – Frankreich führt 2:0 gegen Brasilien – ergreift Kapitän Didier Deschamps das Wort. Er hält keine flammende Rede, er macht seine Mitspieler einfach auf taktische Defizite aufmerksam. Deschamps ist der Trainer, der mit auf dem Platz steht, und man hätte gerne gewusst, wer im deutschen Team eine ähnliche Rolle gespielt hat. Ballack? Frings? Schneider? Bixente Lizarazu hat einmal gesagt, die Diskussionen um Führungsspieler seien typisch deutsch, in Frankreich gebe es die nicht. Mag sein, dass Frankreich diese Diskussionen nicht kennt. Aber an Führungsspielern hatten die Franzosen zumindest 1998 keinen Mangel.

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