Sport : Genugtuung für eine Mogelei Die Türken wollen Brasilien

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Von Martín E. Hiller

Für herablassende Äußerungen ist in der brasilianischen Nationalmannschaft primär Roberto Carlos zuständig. „Ja, ja, natürlich respektieren wir die bisherige Leistung der Türken“, sagte der Außenverteidiger, doch er sagte es in einem Ton, der klar erkennen ließ, dass Carlos das Gegenteil meinte. Er weiß, dass der vierfache Weltmeister Brasilien – übrigens doch mit Torwart Marcos – als Favorit in die Partie gegen den Halbfinaldebütanten Türkei geht. Die Seleçao ist das spielstärkste Team des Turniers, ließ sich gegen England auch von einem Rückstand nicht entmutigen. Bei jedem ihrer Auftritte zwangen die Brasilianer ihrem Gegner ihr Offensivspiel auf, mussten aber jedesmal Gegentreffer hinnehmen. Nachdem der bislang stark aufspielende Ronaldinho im Halbfinale gesperrt ist, muss nun Rivaldo das Spiel der Südamerikaner aufziehen. „Er ist mein Stratege, der ein Spiel lenken kann und auch Tore schießt“, sagte Trainer Luiz Scolari über den stürmenden Mittelfeldspieler, der stets ansehnlich, bisweilen aber auch uneffektiv agiert. Wie sein wiedergenesener Offensivpartner Ronaldo hat der 30-Jährige allerdings den Vorteil, dass er aufgrund einer Verletzung nur wenige Saisonspiele in den Beinen und somit noch Kraftreserven hat.

Die Schauspieleinlage Rivaldos im Vorrundenspiel hat kein Türke vergessen. Dennoch will Senol Günes von Revanche nichts wissen. „Rache ist etwas fürs niedere Volk“, sagte der Trainer der Türkei. Die Türken sind Profis genug, um zu wissen: Wenn sie ins Finale einziehen wollen, müssen sie ihr Temperament im Griff haben. Immerhin haben sie es auch geschafft, eine andere Schwäche weitgehend abzulegen: Der Hang, den Ball zu lange zu halten, ist noch immer vorhanden, doch ist die Türkei auch fähig zu ansehnlichem Zusammenspiel, vorgetragen von technisch starken Einzelspielern. An Stelle des enttäuschenden Hakan Sükür wurde neben Spielmacher Yildiray Bastürk der Stürmer Hasan Sas zum Leistungsträger. Reçber Rüstü ist zudem der zweitbeste Torwart dieser WM, neben dem Italiener Gianluigi Buffon und nach Oliver Kahn. Diese Spieler fügen sich in eine Mannschaft ein, deren Stellungsspiel gegen den Senegal nichts zu wünschen übrig ließ. Allerdings waren die Afrikaner auch ebenso wie die vorherigen Kontrahenten der Türkei keine übermächtigen Gegner. Die einzige namhafte Fußballnation, auf die die Türken bisher trafen, war eben Brasilien – eine Partie, die verloren ging.

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