Sport : Genussvolle Rache

Hacker wird Ruder-Weltmeister und zeigt es dem Verband

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Von Frank Bachner

Berlin. Gestern ist Marcel Hacker nicht ins Wasser gefallen. Das ist ganz wichtig für diese Geschichte. Gestern riss Hacker kurz vor dem Ziel die Hände hoch und ließ einen markerschütternden Jubelschrei los. Er ist Weltmeister. Marcel Hacker vom Casseler Frauen-Ruderklub wurde gestern in Sevilla der erste deutsche Einer-Weltmeister im Rudern seit 1994. Damals hatte Andre Willms gewonnen.

Der Schrei ist mehr als bloßer jubel. In den Schrei legte Hacker alle Emotionen, die sich aufgestaut hatten. Wut, Frust, Revanchegedanken. Denn bei der WM 2001 war Hacker im Ziel noch ins Wasser gefallen. Nicht nach dem Finale – nach dem Halbfinale. Hacker hatte eine hohe Frequenz durchgezogen bis rund 1500 m, dann war er völlig ausgepumpt, und im Ziel kollabierte er. Ein Rettungsschwimmer brachte ihn an Land. Es war nicht bloß eine taktische Fehlleistung. Es war mehr. Denn dieser Sturz ins Wasser kostete ihn seinen Status als A-Kader-Athlet. Der Deutsche Ruderverband schob ihn in den B-Kader zurück – obwohl er 2001 von 15 internationalen Rennen 13 gewonnen hatte. Das empfand Hacker als demütigend. Denn Marcel Hacker ist auf das Geld der Sporthilfe angewiesen, und um genug zu bekommen, muss er im A-Kader rudern. Hacker ist der einzige Profiruderer in Deutschland. Der 25-Jährige besitzt kein Auto und wohnt bei seinen Eltern, weil er sich eine eigene Wohnung nicht leisten kann, noch erhält er nur 100 Euro von der Sporthilfe.

Vor allem aber fühlte er sich gedemütigt, weil er dem Verband klein beigeben musste. Ausgerechnet er, der als Rebell gilt und sich schon 1999 mit Bundestrainer Lothar Trawiel überworfen hatte. An Trainingslagern mit dem Verband nimmt er nach Möglichkeit nicht teil, und sein Trainer Andreas Maul wird vom Deutschen Ruderverband mit komischen Blicken bedacht, denn Maul ist kein ausgebildeter Trainer, er ist ein Bootsmeister. Allerdings hat er früher viel mit der australischen Ruder-Nationalmannschaft gearbeitet. Er hat sich sehr viel abgeschaut, und er hat sich in vielen Gesprächen mit Fachleuten fortgebildet. Mit Maul zusammen bildet Hacker eine Art Wagenburg. Die beiden wohnen zusammen, und Maul erhält nur dann ein Honorar, wenn Hacker Geld übrig hat. Aber das ist selten der Fall. 60 000 bis 80 000 Mark benötigt der 25-Jährige für seinen Sport pro Saison. Seine Trainingslager in St. Moritz und in Los Angeles bezahlt er selber. Er bräuchte also Sponsoren, aber er hat kaum welche. Die Deutsche Bahn alimentiert ihn bis 2004. Sie überweist monatlich eine Summe, die Hacker zumindest das sportliche Überleben sichert. „Dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt der Skuller. Die Bahn verlängerte nach seiner WM-Pleite den Vertrag, und dieses Entgegenkommen zahlt Hacker jetzt mit Leistung zurück.

„Ich muss jetzt etwas zeigen“, hatte er vor der WM gesagt. Aber natürlich ging es auch um eine Abrechnung mit dem Verband. „So einen Fehler wie 2001 mache ich nie wieder“, hatte er erzählt. Der Titel sollte seine Rache sein. Gut, er hat in dieser Saison noch kein Rennen verloren, aber das allein war’s ja nicht. Er wollte den Triumph auf großer Bühne, der den Funktionären wehtun sollte.

Sie sollten spüren, dass er es kann, auch ohne ihre Unterstützung, auch trotz der Sticheleien gegen Maul, dem viele im Verband die Pleite bei der WM 2001 anlasten. Dabei war Hacker schuld. Maul stand damals am Ufer und hatte nur den Kopf geschüttelt, als er Hacker sah. „Ich wusste genau, dass er nach 1500 Metern gegen eine Wand prallen würde.“ So kam es dann auch.

Gestern musste er seinem Athleten nicht viel sagen. Hacker hatte gelernt. Und er hatte seine Rache.

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