Geoblocking im Internet : Olympia - gefangen im Netz

Wo sind all die Live-Streams im Internet? Was Olympia-Fans von russischen Hackern lernen können

Alexander S. Kekulé

So mancher Sportfan erscheint dieser Tage müde zur Arbeit: Da die Spiele bei uns um zwei Uhr nachts beginnen, sind die Live-Übertragungen aus China eine Herausforderung für Kondition und Gesundheit. Doch die tagsüber ausgestrahlten Zusammenfassungen bringen die Spannung der Wettkämpfe kaum noch rüber. Zudem kommen weniger populäre Sportarten auch nachts nur minutenweise auf den Sender. In dieser, geradezu biologischen Notlage suchen Heerscharen übernächtigter Sportliebhaber nach Olympiavideos im Internet – mit ernüchterndem Ergebnis: In deutschen Computern findet die Olympiade 2008 nicht statt.

Doch die Kameras sind bei sämtlichen Wettbewerben in den 28 Sportarten dabei. Was geschieht also mit dem Meer von Bildern, das zwei Wochen lang aus 37 Wettkampfstätten zusammenfließt? Versickert es in irgendeinem Pekinger Datengulli? Fallen die Bilder der Zensur zum Opfer?

Die Antwort überrascht: Internetvideos (Livestreams) der unsichtbaren Sportereignisse gibt es tatsächlich, vom Geländeritt der Vielseitigkeit bis zur Mannschaftsausscheidung im Bogenschießen. Doch sie werden zensiert, und zwar auf durchaus kapitalistische Art: Der Mediengigant NBC Universal hat vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Exklusivrechte für Nordamerika gekauft.

Auf 56 NBC-Rechnern im Pekinger International Broadcast Center laufen 112 Videostreams von allen Ereignissen im Lande zusammen, aufgenommen mit eigenen Kameras in hochauflösender HD-Qualität. NBC speist sie jedoch nicht in das Internet ein, sondern schickt sie durch einen gesicherten Datentunnel (virtual private network, VPN) direkt in die USA – dort sind im Internet rund 2200 Stunden live und 3000 Stunden aufgezeichnete Videos abrufbar. Für ausländische Computer ist der Zugriff dagegen gesperrt („Geoblocking“), auf Verlangen des Lizenzgebers IOC.

Die – kommerziell motivierte – Abschottung der Spiele durch das IOC widerspricht dem olympischen Gedanken nicht weniger als die Internetblockade im Pekinger Pressezentrum, über die sich das IOC so heftig beschwerte. So mancher deutsche Nachtseher mit olympischen Augenringen würde da gerne zum Hacker werden. Doch wie ist das Geoblocking zu überwinden?

Diese relativ neue Technik überprüft anhand der Internetadresse (IP-Adresse) des Computers, in welcher Region der Erde er sich befindet. Für Länder, die keine Lizenz erworben haben, werden bestimmte Verbindungen gesperrt.

Wie man Geoblocking austrickst, machen mutmaßlich russische Cyberkrieger gerade im Kaukasuskonflikt vor. Sie ließen mehrere Webseiten der georgischen Regierung zusammenbrechen, indem sie gleichzeitig Millionen von Verbindungen zu den Regierungsseiten herstellten. Weil die Server die riesige Datenflut nicht bewältigen konnten, verweigerten sie den Dienst („Denial of Service“, DoS). Solche DoS-Angriffe können jedoch durch Geoblocking abgewehrt werden, indem die IP-Adressen des feindlichen Landes gesperrt werden.

Um dies zu umgehen, nutzen die Angreifer Netzwerke von einigen zehn- bis hunderttausend Computern, die über mehrere Länder verteilt sind. Die Computer in solchen „Botnets“ sind mit einem Virus infiziert, das auf Kommando massenweise Datenpakete an eine bestimmte Webseite schickt. Häufig sind diese Datenpakete unvollständig oder fehlerhaft, sodass der Zielcomputer für die Bearbeitung besonders lange braucht. Weil diese „DDoS-Attacken“ (Distributed DoS) von verschiedenen Rechnern und Regionen kommen, können sie nicht durch Sperrung bestimmter IP-Adressen blockiert werden.

Den frustrierten Olympiafan bringt ein wütender DDoS-Angriff – der zudem strafbar ist – freilich nicht weiter. Eine US-IP-Adresse lässt sich einfacher ergattern: Wer sich über einen VPN-Datentunnel in einen Server in der USA einwählt, kann von dort aus mit US-Internetadresse im Netz surfen. Dafür braucht man einen Freund mit PC in den USA. Notfalls gibt es auch Gratisdienste im Internet. Die Einwahl bei nbcolympics.com auf diesem Weg ist natürlich urheberrechtlich verboten und kann deshalb nicht empfohlen werden. Das wäre ja auch unsportlich und würde dem olympischen Geist widersprechen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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