Sport : Gepflegt, aber nicht gern gesehen

Klaus Rocca

Das ist das Dilemma des Fußball-Managers: Soll sich Dieter Hoeneß über ein solches Los freuen, weil es seinen Verein Hertha BSC vor eine "durchaus lösbare Aufgabe" stellt? Oder soll er sich ärgern, weil der attraktive und damit auch lukrative Gegner erneut ausblieb? "Zwei Seelen wohnen in meiner Brust", bekannte Hoeneß denn auch gestern, als Hertha der Gegner Servette Genf für die dritte Runde des Uefa-Pokals zugelost wurde.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Attraktiv ist dieser Gegner nicht. Und lukrativ waren für Hertha schon die beiden ersten Auftritte dieser Saison im internationalen Wettbewerb mit Spielen gegen Westerlo und Stavanger nicht. Am Donnerstagabend, beim 2:0 gegen Viking Stavanger, kauften an der Tageskasse gerade mal 3000 Interessierte eine Eintrittskarte, mit den Dauerkarten-Besitzern waren es zusammen vielleicht 12 000. Manager Hoeneß: "Damit waren unsere Kosten für den Ordnungsdienst nicht aufzufangen." Gut, dass Hertha kaum noch von den Fans im Stadion lebt, sondern von den Einnahmen aus Fernsehübertragungen und Werbung. Sonst hätte der Klub in den ersten beiden Runden ordentlich draufzahlen müssen. Dabei hat Hertha nach Angaben von Hoeneß die Einnahmen aus den ersten drei Runden im Etat kalkuliert. In der letzten Saison verbuchte Hertha ein Plus von rund fünf Millionen Mark. Da ging es allerdings zuletzt auch gegen Inter Mailand.

Gegen Inter schied Hertha allerdings auch aus. Das sollte gegen Genf nicht passieren. Dass Servette immerhin gerade Real Saragossa stoppte, in der Meisterschaft auf dem zweiten Tabellenplatz hinter FC Basel liegt und vier Nationalspieler, darunter den Ex-Stuttgarter Fournier, in seinen Reihen hat, lässt die Hertha-Verantwortlichen kalt. Schließlich gehört der Schweizer Fußball nicht zu den ersten Adressen. Auch wenn dort Karlheinz Rummenigge schon mal seine Franken verdiente. Auch wenn Servette ein Traditionsverein ist, bereits 1890 gegründet und damit zwei Jahre älter als Hertha.

Gespielt werden soll am 22. November zuerst im 30 000 Zuschauer fassenden Stade des Charnilles, am 6. Dezember in Berlin. Allerdings bemüht sich Hertha, das Hinspiel gegen den 17-maligen Schweizer Titelträger auf den 20. November vorzuziehen, um genügend Vorbereitungszeit auf das Bundesligaspiel gegen Rostock (24. November) zu haben. Übrigens: Schon einmal hat ein Berliner Klub im Europapokal gegen Servette Genf gespielt. Das war 1979/80, als Dynamo Berlin im Landesmeister-Wettbewerb mit Rudwaleit und Terletzki 2:1 und 2:2 spielte. Jener BFC Dynamo, der nun vor dem Ende steht.

Auch wenn Hertha vom Einzug ins Achtelfinale, das im Februar nächsten Jahres ausgespielt wird, überzeugt ist, bereitet man sich intensiv auf das Duell mit dem Klub vom Genfer See vor. Schon am Sonntag werden Beobachter beim Spiel gegen die Grasshoppers Zürich auf der Tribüne sitzen, auch bei der Partie gegen FC Sion wird Servette beobachtet. Schon jetzt weiß Hoeneß, dass die von Lucien Favre trainierten Genfer einen "gepflegten Fußball" spielen. Was auch immer man darunter verstehen mag.

Trainer Röber ("Es war ein gutes Training über 90 Minuten") haderte derweil noch ein wenig mit der Leistung seiner Mannschaft in der zweiten Halbzeit gegen Stavanger. Röber: "Ich verlange mehr Engagement. Einige haben sich nicht gerade für weitere Aufgaben empfohlen." Schlecht weg kam erstaunlicherweise Roberto Pinto, obwohl der von den drei Reservisten noch am besten gefiel. "Er muss sich mehr anbieten. Das habe ich ihm auch gesagt", kommentierte Röber. Bei Stefan Beinlich habe am Ende die Kraft gefehlt. Wobei Beinlich, für den auf der Bank sitzenden Michael Preetz Mannschaftskapitän, vorher schon nicht überzeugte. Offenbar ist er nach seiner langen Verletzungspause noch nicht wieder voll auf der Höhe.

Am Sonntag, beim Spiel gegen Aufsteiger Borussia Mönchengladbach, wird Preetz wieder dabei sein. Neben ihm stürmt jedoch nicht Alex Alves, der gegen Stavanger das erste Tor schoss und schon nach 25 Minuten ausschied. Eine "leichte Oberschenkelzerrung" (Röber) zwingt den Brasilianer zum Aussetzen. Damit wird er erneut um eine Chance gebracht, es seinen immer zahlreicher werdenden Kritikern zu beweisen. Mitwirken können Josip Simunic, der nur einen leichten Bluterguss erlitten hat, und der ebenfalls ausgeschiedene Andreas Schmidt.

Hoeneß, auch nach dem Weiterkommen im Uefa-Pokal noch nicht so recht zufrieden, fordert von der Mannschaft, sie müsse "für die Zuschauer mehr tun". Gäbe es morgen den fünften Pflichtspiel-Sieg in Folge, wäre er sicher auch so zufrieden. Attraktiven Fußball kann Hertha derzeit nicht bieten. Attraktive Gegner auch nicht.

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