Sport : Geräuschlos kehrt Thomas Springstein zurück

ROBERT HARTMANN

MÜNCHEN .Grit Breuer sagte es beiläufig in einer Fernsehsendung.Ihr Trainer und Lebenspartner, der 40 Jahre alte Thomas Springstein, erhalte vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ein ständiges Honorar.Das überrascht, schließlich hatte das Vorgängerpräsidium noch unter Präsident Helmut Meyer nach einer Sitzung am 15.Februar 1992 festgestellt: "Das faktische Arbeitsverhältnis mit Herrn Springstein wird beendet, und der DLV wird mit ihm für die Zukunft keinen Vertrag schließen."

Wie jetzt bekannt wurde, gibt es schon seit 1997 einen der interessierten Öffentlichkeit bislang vorenthaltenen Präsidiumsbeschluß des DLV zur Resozialisation im Zusammenhang mit früheren Dopingvergehen.Voraussetzung für eine Wiedereingliederung sei die Reumütigkeit des jeweiligen Kandidaten und ein konkretes Schuldeingeständnis, erklärte der Öffentlichkeitsreferent des DLV, Stephan Volknant.Äußern muß sich ein Betroffener gegenüber dem für den Leistungssport zuständigen Offiziellen.In diesem Fall ist es der Rechtsanwalt Rüdiger Nickel, der Vorsitzende Bundesausschuß Leistungssport.Er nahm, nach Auskunft der DLV-Pressestelle, Springsteins Entschuldigung an.Auf Seite 28 des jüngsten DLV-Jahrbuches zeigt sich die Doppeleuropameisterin über 400 m und mit der 4 x 400-m-Staffel, Grit Breuer, dann auch auf einem Foto mit ihrem lächelnden Freund, der im offiziellen Trainingsanzug steckt und eine Vollakkreditierung herzeigt.Der Wandel zur vollendeten Tatsache vollzog sich in völliger Geräuschlosigkeit.

Mit dem Namen Springstein ist der größte Dopingfall verbunden, der nach der politischen Wende die vereinte deutsche Leichtathletik erschütterte.Im Januar 1992 hatte das Trio Katrin Krabbe, ihrerseits in Tokio 1991 Doppelweltmeisterin im Sprint, Grit Breuer und Silke Möller im Trainingslager im südafrikanischen Stellenbosch einen sogenannten "Einheitsurin" abgegeben, und der Verband erkannte wenig später auf "Manipulation" und suspendierte das Trio.Sein Rechtsausschuß hob das Verdikt schließlich auf, weil er Verfahrensfehler erkannt haben wollte.

Die Beweisführung war derart wirklichkeitsfremd und augenscheinlich haarspalterisch, daß sein Vorsitzender Günter Emig wenig später seinen Hut nehmen mußte.Schon im Juni wurde bei einer neuerlichen unangemeldeten Dopingkontrolle in Neubrandenburg im Urin der Sportlerinnen die anabol wirkende Substanz Glenbuterol gefunden.Der DLV erkannte auf Arzeneimittelmißbrauch und sperrte die jungen Damen für elf Monate.Der Weltdachverband IAAF verfügte dann die damals übliche Vierjahressperre, hob sie alsbald aber wieder auf.Insgesamt aber saßen Krabbe und Breuer eine dreieinhalbjährige Unterbrechung ihrer Karriere aus.

Nur Grit Breuer kehrte auch auf die Sprintbahn zurück.Im August 1995 bestritt sie ihre ersten Wettkämpfe.Sie zeigte ihre Bereitschaft zur Mitarbeit mit dem DLV, indem sie im Gegensatz zu Katrin Krabbe auf eine gerichtliche Auseinandersetzung um eine Schadensersatzforderung verzichtete.Der Klagegegenstand: Eine Vierjahressperre komme einem unrechtmäßigen Berufsverbot gleich.Inzwischen hat die IAAF die Mindestdopingsperre für ein Erstvergehen von Anabolikamißbrauch halbiert.

Das Duo Breuer/Springstein, vor der Wende beim SC Neubrandenburg beheimatet, ist nach einem dritten Vereinswechsel beim SC Magdeburg gelandet.Der DLV entschloß sich mit Beginn des Wintertrainings zum Honorarvertrag ("Es handelt sich um ein paar hundert Mark") und erhofft sich Signalwirkung besonders nach innen, weil der Trainer am Olympiastützpunkt Magdeburg mit Heike Meißner und Ulrike Urbanski inzwischen weitere Kader-Athletinnen betreut.

Springstein besaß einen langen Atem.Im April 1992 sagte er: "Der DLV hat zwar meinen am 31.12.91 ausgelaufenen Vertrag nicht verlängert, aber das wird mich natürlich nicht daran hindern, mit meinen Damen weiterzuarbeiten." Es waren wohl auch Grit Breuers Siege, vor denen die alten Prinzipien ihre Bedeutung schließlich verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben