Sport : "Gerd Müller hat auch drei Tore geschossen"

Herr Wagner[Sie können sich wahrscheinlich v]

Andreas Wagner (44) schoss 1978 beim 5:4 des VfL Osnabrück beim FC Bayern drei Tore. Wagner arbeitete bei der Post und ist derzeit arbeitslos.

Herr Wagner, Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, worum es bei diesem Gespräch gehen wird?

Um Bayern, oder?

Ganz genau, schließlich spielt der FC Bayern heute im Pokal gegen den VfL Osnabrück. Und am 23. September 1978 hat der VfL auch im Pokal 5:4 in München gewonnen. Sie haben damals drei Tore gegen den Nationaltorhüter Sepp Maier geschossen. Das haben vermutlich nicht viele geschafft.

Ich glaube nicht.

Hatten Sie damals eigentlich keinen Gegenspieler?

Doch, Katsche Schwarzenbeck.

Auch kein Schlechter.

Da sage ich nichts zu. Ich habe ihn ja nur einmal live erlebt. In dem Spiel jedenfalls hat er mir gut gefallen.

Hat er Ihnen nach dem Schlusspfiff wenigstens gratuliert?

Ach, was. Die Bayern sind alle wie bedröppelt vom Platz gegangen.

Das heißt, Sie hatten überhaupt keinen Kontakt zu den Bayern?

Doch, zu Gerd Müller. Der hat ja auch drei Tore gemacht in dem Spiel. Ich war sogar Gerd-Müller-Fan. Aber wer war das zu der Zeit nicht? Irgendwann bin ich mal nach einem Zweikampf zu Boden gegangen, dann kam jemand zu mir, hat mich hochgezogen und gesagt: Steh auf, Junge! Das war Gerd Müller. Das war schon toll, dass einem das Idol die Hand reicht.

Und nach dem Spiel haben Sie sich dann erst recht gefühlt wie der König der Welt?

Überhaupt nicht. Ich war nur ziemlich kaputt. Und außerdem war das ja auch nichts Außergewöhnliches für mich.

Das meinen Sie jetzt nicht wirklich ernst?

Natürlich. Drei Tore in einem Spiel zu schießen, das war mir schon häufiger gelungen. In der Jugend zum Beispiel oder bei Concordia Hamburg in der Oberliga. Für einen Stürmer ist das doch nichts Besonderes.

Aber die Bayern sind nicht Concordia Hamburg.

Wissen Sie, ich war ja noch jung, blöd und naiv - wie man halt ist mit 21. Wenn ich auf dem Platz stand, wollte ich gewinnen, egal gegen wen. Im Spiel selbst ist einem das gar nicht bewusst, wer gerade der Gegner ist.

Aber irgendwas muss doch anders gewesen sein als bei einem beliebigen Zweitligaspiel.

Anders war es eigentlich nur vor dem Spiel. So was wie das Olympiastadion hatte ich noch nie gesehen, die Riesenkabine mit Entmüdungsbecken und allem. Das war schon beeindruckend. Aber der absolute Hit, das war der Rasen. Wie ein Veloursteppich. Wir sind vor dem Spiel auf den Platz gegangen und haben mit der Hand darüber gestrichen.

Auf so einem Rasen ist es dann auch ganz einfach, drei Tore zu schießen?

Ich weiß nicht, ob es daran lag. Die Bayern haben uns sicherlich auch unterschätzt. Ja, und dann hat das Spiel so eine Dynamik angenommen.

Die Bayern haben Ihnen nicht zufällig gleich nach dem Spiel ein Vertragsangebot gemacht?

Nee, leider nicht.

In einer Zeitung stand einmal über Sie, dass Sie zwar ein immenses Talent hatten. Aber auch: Wurde mit dem Ruhm nur schwer fertig. Machte durch Eskapaden negative Schlagzeilen. Sind Ihnen die drei Tore von München zu Kopfe gestiegen?

Das ist völlig unrichtig. Mit dem Spiel gegen die Bayern hat das überhaupt nichts zu tun. Ich war einfach kein guter Profi. Ich habe gern getrunken, habe gern gezockt, ich habe geraucht, ich habe gekifft. Was man halt macht, wenn man jung ist. Ich habe vor dem Bayern-Spiel gesoffen. Und danach. 1986 habe ich eine Entziehungskur gemacht. Seitdem bin ich trocken. Vom Alkohol befreit.

Haben Sie sich manchmal gefragt, was aus Ihnen hätte werden können, wenn Sie anders gelebt hätten?

Ach, manchmal wundere ich mich, dass sich die anderen Leute mehr Gedanken darüber machen als ich selbst. Ich bereue nichts. Ich habe immer gerne Fußball gespielt, aber ich war eben nie der Typ, der sich für Fußball gequält hat. Trainingslager und Waldlauf - da hatte ich einfach keine Lust zu. Deswegen konnte ich auch kein großer Spieler werden.

Von einem Spiel in München abgesehen.

Das wird mich mein Leben lang verfolgen.

Sind Sie es mittlerweile leid, über dieses Spiel zu reden?

Nein, so oft kommt das ja Gott sei Dank nicht vor. Allerdings wundert es mich schon, dass mich selbst jüngere Leute noch darauf ansprechen, auch hier in Hamburg. Merkwürdig eigentlich.

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