Sport : German Open: Besser als die Beste

sid

Jennifer Capriati weiß, wie es ist, am Boden zu liegen; vor allem aber weiß sie, wie man es anstellt, wieder aufzustehen. Vor acht Jahren war Jennifer Capriati ganz unten: das Motiv eines Polizeifotografen, Aktenzeichen in der Verbrecherkartei des Staatsanwalts, gescheitertes Wunderkind ohne Kindheit, zerbrochen am frühen Ruhm. Heute zählt Jennifer Capriati wieder zu den besten Tennisspielerinnen der Welt. Keine andere ihrer Profikolleginnen hat in den ersten viereinhalb Monaten des Jahres 2001 mehr Geld gewonnen als Capriati. Gestern in der Pressekonferenz nach dem Finale der German Open in Berlin gegen die Französin Amélie Mauresmo wurde die 25 Jahre alte Amerikanerin gefragt, ob sie jetzt die Beste der Welt sei. Jennifer Capriati hatte gerade in drei Sätzen das Endspiel verloren. "Also ist sie heute besser", antwortete Capriati.

Die Amerikanerin lachte, als sie zur finalen Pressekonferenz erschien. Das Match habe ihr wirklich Spaß gemacht, sagte die Verliererin. "Ich liebe solche Spiele." Nach dem ersten Satz lag sie am Boden. Ihre Bälle flogen weit über die Grundlinie hinweg, die Aufschläge landeten viel zu oft im Netz. Nach einer Dreiviertelstunde hatte Mauresmo den ersten Satz 6:4 gewonnen. Doch Capriati siegte im nächsten 6:2, schaffte den Ausgleich gegen die Französin, die hinterher sagte, sie habe eigentlich genauso stark gespielt wie im ersten Satz: "Das ist frustrierend." Mauresmo hielt ihr Niveau, Capriati wurde besser. Und sie hatte in dieser Woche bereits drei ihrer vier Spiele im dritten Satz gewonnen.

Im entscheidenden Durchgang schlug Jennifer Capriati als Erste auf. Sie machte zwei Punkte von der Grundlinie, Amélie Mauresmo schaute den Bällen ergriffen hinterher, ihre Beine schienen nicht mehr zu reagieren. Die Französin ist müde, dachten die 6500 Zuschauer um den Centre Court. Und Jennifer Capriati würde eine würdige Siegerin des Turniers sein. Doch dann machte Amélie Mauresmo fünf Spiele in Folge, verwandelte schließlich ihren dritten Matchball zum 6:3. "Wenn du bei ihr eine Schwäche ausmachst, dann musst du versuchen, sie da zu treffen, wo es weh tut", sagte Amélie Mauresmo. Genau das gelang ihr im Endspiel.

Zum Thema Online Spezial: Ladies German Open 2001 Jennifer Capriati fand, sie habe gegen die Französin eine gute Chance gehabt, dieses Finale zu gewinnen, "aber am Ende konnte ich nicht mehr zurückkommen". Jennifer Capriati galt als Favoritin, für das Publikum hat sie das bekanntere Gesicht. Vor zwei Wochen hat der "Spiegel" über sie geschrieben: "Sie ist die interessanteste Frau im Tennis." Auch wegen ihrer Vergangenheit.

Für Amélie Mauresmo war die Auseinandersetzung mit Capriati "ein großer Kampf - körperlich und geistig". Solchen Auseinandersetzungen ist sie inzwischen bestens gewachsen, körperlich sowieso, aber auch geistig. "Ich fühle mich entspannt", sagte die 21-Jährige nach dem Match. Ihre Zufriedenheit mit sich selbst hat viele Gründe: private, gesundheitliche und sportliche. Amélie Mauresmo hat in dieser Woche auf der Anlage am Hundekehlensee gegen drei Spielerinnen gewonnen, die in der Weltrangliste vor ihr standen: Die Nummer eins Martina Hingis schlug sie im Halbfinale, die Nummer vier Jennifer Capriati im Endspiel und die Nummer acht Amanda Coetzer im Viertelfinale; durch den Turniersieg verbessert sie sich nun selbst von Rang neun auf sechs. Nicht von ungefähr hat die Französin im Moment das Gefühl, dass "es immer weiter vorwärts geht".

Die German Open waren bereits das vierte Turnier, das Mauresmo in diesem Jahr gewonnen hat, in 29 Spielen ging sie 27-mal als Siegerin vom Platz. "Hoffentlich kann ich dieses Selbstvertrauen bewahren", sagte die Französin. Die Ansprüche wachsen mit jedem neuen Erfolg. "Früher habe ich mehr Druck verspürt", sagte Mauresmo, "seit einigen Monaten kann ich ganz gut damit umgehen. Ich werde auf diesem Gebiet immer besser." In zwei Wochen, wenn die French Open in Paris beginnen, werden sich die Sehnsüchte ihrer Landsleute auf Amélie Mauresmo konzentrieren. Für Jennifer Capriati ist "sie mit Sicherheit eine Favoritin+ - vor allem, "wenn sie so spielt wie heute".

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