Sport : German Open: Darauf einen Bienenstich

Benedikt Voigt

Kaum hatte sich Jana Kandarr auf dem Podium im Presseraum niedergelassen, überkam sie der Heißhunger. "Ich brauche jetzt etwas Süßes, sonst kippe ich um", sagte die deutsche Tennisspielerin, "aber keine Cola." Der Pressechef erbarmte sich der erschöpften 24-Jährigen, stürzte zum Büfett und kehrte mit einem Bienenstich zurück. "Super, vielen Dank", sagte Jana Kandarr und antwortete fortan mit vollem Mund.

Die gestrige zweite Qualifikationsrunde hatte Kandarr so erschöpft. Gegen die Spanierin Nuria Llagostera musste die Nummer 60 der Weltrangliste lange kämpfen, um schließlich mit 2:6, 6:4, 6:3 in die erste Runde der German Open einzuziehen. Schon am Vortag hatte die Karlsruherin gegen Kristie Boogert einen Tie-Break im dritten Satz benötigt. "Es kann nur besser werden", plapperte Kandarr auf dem Podium los. Ihr Glück hat sie ihrer Meinung nach in Berlin schon ausgereizt. "Jetzt muss ich aufpassen, dass ich hier nicht noch vom Auto überfahren werde." Neben Kandarr konnte von den zehn deutschen Qualifikantinnen nur noch Martina Müller durch ein 4:6, 6:2, 6:1 über Vanessa Henke in die erste Runde der German Open einziehen.

Dort stand Bianka Lamade, die im vergangenen Jahr überraschend in die dritte Runde gekommen war. Doch in diesem Jahr war ihr beim Turnier kein Glück beschieden. Das begann schon bei der Auslosung, als ihr in der ersten Runde ihre Trainings- und Doppelpartnerin Patty Schnyder zugelost wurde. "Ich hätte mir gerne ein anderes Los gewünscht", sagte Lamade, "wir kennen uns in- und auswendig." Das Spiel gegen die erfahrenere Schweizerin verlor die 18-jährige unglücklich 5:7, 5:7. "Ich habe sehr viele gute Chancen vergeben", ärgerte sich Lamade. Trainer Hubert Choudry hatte sich irgendwo zwischen den Zuschauern versteckt, weil er keinen seiner beiden Schützlinge coachen wollte.

Ansonsten blieb der erste Tag der German Open ohne Glanzlichter. Weil am Samstag ein kompletter Tag ins Wasser gefallen war, konnte die Qualifikation erst gestern beendet werden. Von der ersten Runde fanden nur drei Spiele statt. Neben Schnyder zogen die Japanerin Ai Sugiyama und die Spanierin Magui Serna in die zweite Runde ein. Letztere war die Einzige der gesetzten Spielerinnen, die gestern spielte. Die Favoritinnen Venus William und Martina Hingis vergnügten sich beim Training auf Nebenplätzen.

So kam es, dass Jana Kandarr viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Tiermedizin wolle sie studieren, sagte sie auf dem Podium, vielleicht wird sie sich sogar noch in diesem Jahr in Berlin zum Studium anmelden. "Ich habe keine Geschwister, deswegen hatte ich immer Tiere um mich", erklärt die blonde Tennisdame ihren Berufswunsch, und zählte auf: "Ich hatte eine Maus, einen Wellensittich, einen kleinen Hund, einen Hasen, den ich in der Baugrube gefunden habe ..." Wenn man es nicht besser wüsste, hätte man die 24-Jährige gestern für einen Teenager gehalten. Vielleicht wolle sie auch mal zwei Monate für eine Umweltorganisation arbeiten, fügte sie noch hinzu. Da wirkte ihr sportliches Ziel für dieses Jahr realistischer: In der Weltrangliste will sie über den 55. Platz hinauskommen. "Und Geld verdienen, das ist gar nicht mal so falsch", sagte Jana Kandarr und beendete die Pressekonferenz. Den Bienenstich hatte sie da längst aufgegessen.

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