Sport : German Open: Ein Fall für drei

Benedikt Voigt

Ihr Ballgefühl hat Arantxa Sanchez-Vicario am Sonntag im Spielereingang unter der Haupttribüne demonstriert. Die Spanierin lehnte mit dem Rücken zur Wand, unterhielt sich mit einer Kollegin und jonglierte dabei mit neun Tennisbällen. Keine schlechte Leistung, allerdings muss man korrekterweise hinzufügen, dass je drei Bälle in einer Verpackung steckten und Sanchez-Vicario lediglich drei Verpackungen in der Luft kreisen ließ.

Bei den German Open muss die spanische Tennisspielerin allerdings mehr als ihre Jonglierkunst zeigen, wenn sie ihren Erfolg aus dem Jahr 1995 in Berlin wiederholen will. Turnierdirektor Eberhard Wensky glaubt, dass die 29-Jährige für eine Überraschung in Berlin gut ist. "Sanchez-Vicario hat in diesem Jahr schon Martina Hingis geschlagen", sagt der Organisationschef in seinem Büro über dem Centre Court. Doch für einen Gesamtsieg am kommenden Sonntag komme die an Nummer acht gesetzte Spanierin nicht in Frage. Diesen dürften die großen Drei unter sich ausmachen: Martina Hingis, Venus Williams oder Jennifer Capriati.

Es sind diese drei Sieg-Verdächtigen, die die große Qualität der diesjährigen German Open ausmachen. "Ich will nicht sagen, dass es so ein Feld noch nie gab", sagt Wensky, "aber wir haben mit Sicherheit ein Ausnahmefeld." In Hingis, Williams und Capriati bemühen sich die Nummer eins, zwei und vier der Weltrangliste um den Sieg am Hundekehlesee.

Dabei muss sich der Turnierchef vor allem über die erstmalige Zusage von Venus Williams gefreut haben. Die US-Amerikanerin ist spätestens seit ihrem überzeugenden 6:3, 6:0-Sieg im Finale von Hamburg die große Favoritin bei den German Open. "Venus Williams ist mit Abstand die erfolgreichste Spielerin", schwärmt Wensky. Die Bilanz dieses Jahres weist zwar eine Halbfinalniederlage bei den Australian Open gegen Martina Hingis aus. Dafür konnte Venus Williams im Jahr 2001 neben Hamburg auch das Turnier in Miami gewinnen. Gegen Jennifer Capriati.

Diese wünscht sich Eberhard Wensky im Endspiel. Sie stand schon 1991 und 1992 in Berlin im Viertelfinale, doch das war eine andere Jennifer Capriati. Sie war 15 bzw. 16 Jahre alt, ein Teenie-Star, der mit seinem Vater auszog, die Tenniswelt zu erobern. Als Frau ist sie nun zurückgekehrt. Dazwischen liegt ein langer Absturz. Eine Verhaftung, weil sie einen billigen Ring geklaut hatte, Drogenprobleme, und Jahre der Erfolglosigkeit.

Nun bekommt Berlin die neue, 21-jährige Jennifer Capriati zu sehen. Wenn es keine Überraschung gibt, dann bestreitet sie bei den German Open das Halbfinale gegen Venus Williams. Durch ihren Sieg bei den Australian Open im Januar, als sie Martina Hingis 6:4, 6:3 bezwingen konnte, kehrte Capriati zurück in die Weltspitze. Dass ihr Comeback von Dauer ist, bewies sie in Charleston, wo sie die Nummer eins der Welt erneut im Finale bezwingen konnte. "Das ist das Comeback des Jahrzehnts", schwärmt Wensky. Wieder wird Capriati von ihrem Vater Stefano gecoacht, inzwischen steht sie in der Weltrangliste auf Nummer vier.

Wegen der beiden Finalniederlagen in diesem Jahr dürfte Martina Hingis inzwischen Capriati ein wenig fürchten. Allerdings könnte dieses Duell erst im Finale stattfinden. Martina Hingis startet gerade den zweiten Versuch, ohne ihre Mutter als Trainerin auszukommen. Schon aus diesem Grund steht das Abschneiden der konstantesten WTA-Spielern in Berlin unter besonderer Beobachtung. Der erste Versuch, ohne Melanie Molitor auszukommen, war 1999 kläglich gescheitert, als sie in Wimbledon in der ersten Runde gegen Jelena Dokic ausschied. Im vergangenen Jahr beendete die Siegerin von 1999 überraschend im Halbfinale gegen Conchita Martinez ihr Gastspiel in Berlin. Die Spanierin gewann später das Finale gegen die Südafrikanerin Amanda Coetzer.

Beide könnten auch in diesem Jahr die großen Drei ärgern. Auch die an Nummer vier gesetzte Französin Amelie Mauresmo rechnet sich eine Chance auf den Sieg bei den German Open aus. Dafür müsste sie aber im Halbfinale Martina Hingis aus dem Weg räumen, gegen die sie zuletzt im Viertelfinale von Charleston verloren hatte, doch in diesem Jahr konnte sie bereits die Turniere in Paris, Nizza und Amelia Island gewinnen. Dem Player-Guide der WTA hat die kräftige Französin verraten, dass sie nach ihrer Karriere ein Sport-Café in Paris eröffnen will. Für die 175 000 Mark, die die Siegerin der German Open bekommt, ließe sich durchaus eine leistungsstarke Kaffeemaschine anschaffen. Inklusive Milchschäumer.

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