German Open im Tennis : Rafael Nadal kämpft in Hamburg gegen die Krise

Rafael Nadal steckt in einer tiefen Krise. Nun will sich der einst beste Tennisspieler der Welt auf Sand Selbstbewusstsein holen, obwohl die Hartplatzsaison schon läuft.

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Am Ball bleiben. Für Nadals Verhältnisse ist seine Bilanz in diesem Jahr bisher verheerend. Deswegen tritt er nun in Hamburg an - um Selbstvertrauen zu tanken.
Am Ball bleiben. Für Nadals Verhältnisse ist seine Bilanz in diesem Jahr bisher verheerend. Deswegen tritt er nun in Hamburg an -...Foto: dpa

Als Rafael Nadal 2005 mit 19 Jahren sein erstes Grand-Slam-Turnier bei den French Open gewann, war das eine große Sache. Und man hätte meinen sollen, dass sein Traineronkel Toni Nadal stolz und glücklich gewesen wäre, doch mitnichten. Er ließ seinen Neffen wissen, er habe bloß Glück gehabt, denn sein Gegner sei viel besser als er gewesen. Am nächsten Tag gab ihm Toni Nadal eine lange Liste mit allen Dingen, die er noch verbessern müsse, wenn er jemals weitere Trophäen gewinnen wollte.

Rafael Nadal war diese Strenge von klein auf gewohnt. Sie hatte den Jungen aus Manacor demütig gehalten. Selbst nach den Jahren als Nummer eins und 13 weiteren Grand-Slam-Siegen. Aber Toni Nadal wird auch nie müde, seinen Neffen daran zu erinnern, dass Roger Federer 17 Trophäen gewonnen hat. Schon als Kind war Rafael Nadal überzeugt, dass er nie gut genug sein würde. Und diese leise Stimme in seinem Inneren ist nie ganz verklungen. Solange er von Sieg zu Sieg eilte, konnte Nadal sie hinter der Attitüde des Furchtlosen verbergen. Doch in dieser Saison ist alles anders. Nadal steckt in der schwersten Krise seiner Karriere: Er sucht so verzweifelt nach seiner Form, dass er im Hamburger Schmuddelwetter auf Sand spielt, obwohl die Hartplatzsaison begonnen hat. „Normalerweise würde ich mich jetzt zu Hause in der Sonne entspannen und dann auf die Hartplatzsaison vorbereiten“, hatte Nadal bei seiner Ankunft in der Hansestadt erklärt, „aber dieses Jahr ist die Situation leider etwas anders. Ich habe in den letzten sechs Monaten mehr Matches verloren als in den letzten zehn Jahren. Und ich brauche Siege."

Mit einer Bilanz von 34:12 Siegen reiste der Spanier an, im vergangenen Jahrzehnt hatte er erst am Saisonende so viele Niederlagen auf dem Konto gehabt, wenn überhaupt. Und nun sind die Zweifel wieder da. 2014 war ein Seuchenjahr für Nadal gewesen, der Rücken vermieste ihm den möglichen Sieg bei den Australian Open, das Handgelenk die US Open und die Rücken-Reha die Winter-Vorbereitung. Fast die komplette zweite Saisonhälfte hatte Nadal gefehlt, und so verwunderte es auch kaum, dass er in Melbourne im Januar noch nicht fit war und früh verlor. Doch in den Wochen und Monaten, die folgten, wurde es nicht besser. Nadal spielte meist wie ein Schatten seiner selbst, unterlag oft weit schwächeren Gegnern, die längst keine Angst mehr vor ihm haben. Nicht einmal auf Sand. Erstmals seit zehn Jahren ist Nadal nur noch die Nummer zehn der Welt.

In Wimbledon verlor Nadal schon in Runde zwei gegen Dustin Brown

„Es ist ein mentales Problem bei Rafa“, glaubt sein Onkel Toni, „seine ganze Karriere basierte auf Konstanz und Beständigkeit. Die ist momentan nicht da. Und deshalb verliert er in den Matches so oft den Faden.“ Das Zweitrundenaus in Wimbledon gegen Dustin Brown hatte Nadals Verunsicherung noch verschärft. "Ich hatte gedacht, ich wäre gut vorbereitet gewesen. Das war eine schlimme Niederlage für mich", meinte er ratlos, und die Enttäuschung war ihm auch vier Wochen danach noch anzusehen. Denn Nadal begreift nicht, warum er nicht gewinnt. Denn erstmals seit Langem hat er keine starken Schmerzen, keine akuten Verletzungen. Seine Zweifel und Ängste spiegelten sich in Hamburg in jedem Training wieder, auch im ersten Match, das er mit großer Mühe gegen Fernando Verdasco gewann.

Lange hatte Nadal eine extreme Streuung in den Schlägen, spielte zu kurz und stand viel zu weit hinter der Grundlinie. Doch Nadal stemmte sich mit seinem Kämpferherz gegen das Aus. Danach wirkte er so erleichtert wie selten zuvor: „Das war ein unglaublich wichtiges Match für mich. Denn ich war mental stark genug, es zu überstehen.“ Vertrieben sind die Dämonen jedoch längst nicht, der Weg zurück ist hart für Nadal. „Vielleicht werde ich nie mehr so gut wie 2008 oder 2010 oder 2011. Aber ich will alles versuchen.“ Vielleicht ist dann auch Onkel Toni mal zufrieden.

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