Sport : Gernervtes Murren

Joachim Frisch

Kurt Jara, der Trainer des Hamburger SV, sprach schon fast so leise wie sein Vorgänger Frank Pagelsdorf, als er nach Erklärungen für die erneut erbärmliche Vorstellung seiner Fußballprofis rang. Was hat sich der Mann aus Tirol innerhalb von gerade mal fünf Wochen im norddeutschen Flachland doch verändert ... Aus dem hemdsärmeligen Macher ist ein Leisetreter geworden, der sich angesichts des Versagens seines Teams nur noch der branchenüblichen Klischees bedient. Man habe im mit 0:2 verlorenen DFB-Pokal-Spiel gegen den VfB Stuttgart ja 20 Minuten lang noch ganz ansehnlichen Fußball geboten, doch einmal mehr sei man durch einen unglücklichen Gegentreffer "vollkommen verunsichert" worden und habe fortan "ohne jedes Selbstvertrauen gespielt", diagnostizierte er, "jeder hatte plötzlich so viel mit sich selbst zu tun, dass die Mannschaft in Einzelteile auseinander fiel und keiner mehr dem anderen helfen konnte". Drei Tage zuvor im Bundesliga-Punktspiel bei Bayer Leverkusen war der HSV allerdings selbst in Führung und anschließend in ähnlich kläglicher Weise untergegangen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Jaras Rezept gegen den fußballerischen Absturz ist kaum origineller als die Diagnose: "Der Versuch, schön zu spielen, geht in einer solchen Lage immer schief. Wir müssen die Zweikämpfe suchen und annehmen, wir müssen auch mal die Bälle hinten raus schlagen und vorne erkämpfen, wie es uns der VfB Stuttgart in der Anfangsphase vorgemacht hat." Damit hat Jara, der angetreten war, um mit kultiviertem Passspiel aus der Abwehr heraus zum Erfolg zu gelangen, binnen fünf Wochen seine fußballerischen Vorstellungen auf den Kopf gestellt. Allerdings blieb ihm auch kaum etwas anderes übrig, denn nach den jüngsten Leistungen auf Spielkultur zu setzen, wäre absurd.

Zumal nach vier Niederlagen aus den letzten fünf Pflichtspielen bei nur einem Tor der Anhang des HSV die Geduld verloren hat. Zum ersten Mal waren im neuen Stadion weniger als 20 000 Zuschauer bei einem Pflichtspiel. Und die machten aus ihrem Unmut über die HSV-Darbietung keinen Hehl. "Aufhören!" skandierten die Fans, die sich an dem ungemütlich-kalten Novemberabend ins Stadion aufgemacht hatten, schon kurz nach der Pause. Anschließend wurde fast jeder Fehlpass des eigenen Teams mit Pfiffen und genervtem Murren bedacht. Allein der Trainer blieb von derlei Missfallenskundgebungen verschont. Noch, so scheint es, genießt Kurt Jara eine Schonfrist.

So traf der Groll ausschließlich Spieler - und Vorstand. Schon in der Jahreshauptversammlung einen Tag zuvor hatten sich die Herren aus der Chefetage harsche Kritik über die Einkaufspolitik und die Fehleinschätzung der sportlichen Situation anhören müssen. Zu lange hat man die prekäre Lage verkannt und noch einen internationalen Wettbewerb anvisiert, als in der Bundesliga der freie Fall Richtung Abstiegszone schon im Gange war. Der DFB-Pokal wurde sogar von Vorstand, Profis und Trainer als "Chance auf Europa mit Hilfe von nur vier Siegen" gewertet, was angesichts der letzten Leistungen geradezu vermessen anmutete.

Das Debakel vom Dienstag brachte zumindest Vorstandschef Werner Hackmann auf den Boden der Tatsachen zurück. Statt von internationalem Wettbewerb sprach er unter dem Eindruck der Leistung nun vom Abstieg. "Das wäre der wirkliche Tiefpunkt, aber wenn wir nicht bald die Kurve kriegen, landen wir noch dort." Wie die Kurve zu kriegen sei, wusste er nicht zu sagen. Am Sonntag droht in der Bundesliga die nächste Katastrophe, wenn der ungeliebte Nachbar aus dem Stadtteil St. Pauli zu Gast in der AOL-Arena ist. Alles andere als ein Sieg wäre ein sportliches Desaster - und für jeden HSV-Fan eine persönliche Demütigung. Umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen im Stadion sind bereits in die Wege geleitet.

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