Gernot Rohr : "Europas Arroganz ist unberechtigt"

Gabuns Trainer Gernot Rohr über die Entwicklung im afrikanischen Fußball und was zu einem internationalen Titel für eine afrikanische Nationalmannschaft noch fehlt.

Gernot Rohr, 58, betreut Gabun beim Afrika-Cup - nicht als Miss Gabun, aber als Trainer. Der Mannheimer wurde als Profi mit Bayern München zweimal Deutscher Meister. Als Trainer war er unter anderem in Bordeaux, Nizza und Nantes tätig.
Gernot Rohr, 58, betreut Gabun beim Afrika-Cup - nicht als Miss Gabun, aber als Trainer. Der Mannheimer wurde als Profi mit Bayern...Foto: dapd

Herr Rohr, Kamerun, Nigeria, Südafrika und Ägypten konnten sich nicht für den Afrika-Cup qualifizieren. Findet in Afrika eine fußballerische Wachablösung statt?

Ja, die Großen müssen sich vor den Außenseitern in Acht nehmen. Mit der besser werdenden Ausbildung des Nachwuchses in Ländern wie Botsuana, Niger und Burkina Faso verschwinden die Unterschiede. Diese Teams haben zudem den Vorteil, dass sie öfter zusammengezogen werden können, weil sie weniger Legionäre haben. Die haben die Motivation, die Nationalmannschaft als Sprungbrett zum Geldverdienen zu nutzen. Das geht vielen anderen ab.

Gabun ist ja selbst für afrikanische Länder eher ein kleines Fußball-Land. Gibt es denn einen geregelten Liga-Spielbetrieb?

Ja, die erste Liga spielt mit 14 Mannschaften – sonst gibt es aber nichts. Die meisten kommen aus Libreville, in der Stadt leben rund ein Drittel der 1,5 Millionen Einwohner. Aber auch auf dem Land spielen viele junge Talente, die ich nach und nach in die A-Nationalmannschaft eingebaut habe.

Bietet die vorhandene Infrastruktur Bedingungen für Spitzenfußball?

Als ich hier anfing, gab es kaum Sportplätze, keine Hallen oder Krafträume, in denen man die Spieler für das höchste Niveau entsprechend trainieren konnte. Mit der Vorbereitung auf den Afrika-Cup wurde da unheimlich viel verbessert. Es wurden gleich drei neue Stadien gebaut. Und dort wird es künftig auch Räumlichkeiten für ein Nachwuchszentrum geben. Es tut sich etwas im Land.

Mit dem vorläufigen Höhepunkt im letzten Dezember...

Genau, viele der Spieler, die ich entdeckt habe, haben den U-23-Afrika-Cup gewonnen und sich damit für Olympia in London qualifiziert. Da konnte man schon sehen, dass sich die Arbeit ausgezahlt hat.

Ihr Trainerkollege Henri Michel ist bei Äquatorialguinea drei Wochen vor Beginn des Turniers wegen wiederholter Einmischung in seine Arbeit zurückgetreten. Haben Sie ein dickeres Fell?

Auch hier bei uns gab es immer mal kleinere Reibereien. Aber ich habe zwei Jahre lang nur den Januar 2012 im Auge gehabt, den Termin unseres ersten Spiels hier beim Afrika-Cup. Diesem Ziel habe ich alles untergeordnet. Da wird man zwischendurch halt mal zum Stoiker.

In Europa wird häufig am afrikanischen Fußball herumkritisiert...

Ja, leider halten sich die Europäer zuweilen für den Fußballnabel der Welt. Und sie begegnen dem afrikanischen Fußball dann mit einer unberechtigten Arroganz. Die Dinge ändern sich. Dadurch, dass die Fifa beschlossen hat, dass unter 18-Jährige nicht mehr zu europäischen Fußballinternaten wechseln dürfen, entstehen überall auf dem Kontinent Jugend-Akademien, die sich diesen Aufgaben widmen. Erst neulich hat Samuel Eto’o, der afrikanische Weltstar, der viel für die Jugendarbeit tut, hier bei uns in Libreville eine Akademie eröffnet. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

Wann wird der afrikanische Kontinent seinen ersten großen weltweiten Fußballerfolg feiern können?

Man hat bei der WM gesehen, dass es nur noch an Kleinigkeiten fehlt. Disziplin, Erfahrung, Organisation. Oder im entscheidenden Moment einen Elfmeter zu verwandeln. Aber Afrika holt weiter auf. Auch die kleineren Fußballnationen.

Das Gespräch führte Olaf Jansen.

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