Sport : Gerolsteiner sprudelt am Kap

Hartmut Scherzer

Mit dem Zehntel vom Telekom-Budget beherrschen Steinhauser und sein Team die Südafrika-TourHartmut Scherzer

Was er zuerst haben möchte, wurde Tobias Steinhauser auf dem Siegerpodest gefragt, das Trikot oder den Champagner? "Den Kuss." Es war zwar "nur" Miss South Africa 1st Runner-up, die Zweite also, aber eine nicht minder attraktive Schöne, die dem Sieger des Zeitfahrens ihre Lippen auf die Wangen drückte. Dann schlüpfte der Leader der Südafrika-Tour ins Gelbe Trikot und ließ den Champagner sprudeln wie das Brunnenwasser seines Sponsors Gerolsteiner. Es klingt paradox: Tobias Steinhauser musste in seinem fünften Profijahr in die Zweitklassigkeit absteigen, um zu zeigen, welch guter Radrennfahrer er ist. "Es war der richtige Schritt." Dafür hat der Schmied aus Scheidegg im Allgäu finanzielle Einbußen in Kauf genommen. Von Mapei zu Gerolsteiner, das ist ein Wechsel wie vom AC Mailand zu Mainz 05.

"Aber es ist schöner, in einem Team der zweiten Division zu siegen, als in einer Erstliga-Mannschaft als Wasserträger zu schuften." Nun ist er Mineral-Wasserträger, wird nicht mehr dafür bezahlt, für Michele Bartoli Windschatten zu fahren und Trinkflaschen zu holen, sondern dafür, das Trikot des Sponsors aus der Brunnenbranche möglichst weit vorn zu tragen. Wie die Stars von der Telekom haben auch Tobias Steinhauser und die Gerolsteiner am Kap diese Saison bei null angefangen, gehen aber das erste Rennen mit ganz anderen Ambitionen und "höchster Motivation" an, so der sportliche Leiter Rolf Gölz. Denn für die Klassiker und die großen Rundfahrten sind die G-II-Teams nicht qualifiziert. "Unser Saisonziel ist die Deutschland-Tour", sagte Gölz, einst Klassiker- und Tour-de-France-Etappensieger. "Vielleicht werden wir wegen unserer guten Leistungen zur Tour de Suisse eingeladen. Die Tour de France aber bleibt ein Traum."

Rolf Gölz muss für seine 17 Fahrer mit einem "Zehntel des Budgets der Telekom" auskommen. Also mit knapp zwei Millionen Mark. Einen zahlungskräftigen Zweitsponsor, mit dem sich Gölz bereits auf dem Frankfurter Flughafen zur Unterschrift verabredet hatte, lehnten die Wasserverkäufer aus der Eifel vor dieser Saison ab. Die Eifler wollen allein sprudeln. Das Sextett schlägt sich in Südfrika prächtig: Olaf Pollack gewann den Prolog, Michael Rich, der Vorjahrssieger der Vodacom Rapport Toer, sorgte als Zweiter im Zeitfahren für einen Doppelsieg. Uwe Peschel, mit Rich 1992 Olympiasieger im Straßenvierer, und Torsten Schmidt sind die selbstlosen Helfer, die den Buckel krumm machen, damit das Gelbe Trikot bis Kapstadt auf Steinhausers Schultern bleibt. Auch gestern auf der Etappe über den mit 860 Metern höchsten Berg der Rundfahrt legten sie sich für Steinhauser, der mit Jan Ullrich im Hauptfeld ankam und seine Spitzenposition behauptete, wieder gehörig ins Zeug. Der Tagessieger hieß Maurizio de Pasquale und ist Italiener.

"Ich habe meine Arbeit gemacht, wie es sich gehört, und im Winter in Italien hart trainiert", erklärt Steinhauser lapidar seine erstaunliche Frühform und blickte am Abend seines größten Triumphes (auf die Sekunde zwei Minuten schneller als der Weltmeister Jan Ullrich) zufrieden von der Hotelterrasse auf den Indischen Ozean hinaus. "Alle kennen mich aus den vier Jahren, in denen ich im Ausland in G-I-Mannschaften gefahren bin und akzeptieren mich im Gelben Trikot." Der 28-Jährige sieht wahrlich nicht aus wie ein Schmied, sondern wie der nette, höfliche Kundenberater am Schalter der Dresdner Bank. Mit dem Gewicht, das man sich gemeinhin bei einem Kraftprotz mit dem Schmiedehammer vorstellt, würde der Radprofi kaum die Pässe hochkommen. Auf den vorherigen Bergetappen aber wurde er zweimal Dritter. "Jetzt wissen alle, dass ich auch ein guter Kletterer bin."

Guter Zeitfahrer und guter Bergfahrer - das macht den guten Rundfahrer aus. "Tobias ist ein riesiges Talent, das bisher nur verkannt wurde", behauptet Rolf Gölz. Seinen ärgsten Konkurrenten Alberto Elli (Telekom) im Zeitfahren eingeholt zu haben, erfüllte Steinhauser mit besonderer Genugtuung. "Es muss aufhören, dass wir in Deutschland nur im Schatten von Telekom fahren."

Wenn Gerolsteiner am 29. Februar in Wiesbaden seine Profimannschaft 2000 der Öffentlichkeit präsentiert, muss Rolf Gölz nicht erst Erfolge versprechen, sondern kann sie schon vorweisen. Im Peloton kursiert bereits der Vorschlag, das Team aus der Eifel umzutaufen in "Geroldsteinhauser".

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