Sport : Geschenk für Papa

Durch ihren Slalom-Sieg in Semmering löst sich Maria Riesch aus der Rolle der Speed-Spezialistin

Frank Bachner,Josef Metzger[Semmering]

Natürlich war ihr die Geschichte mit dem Geschenk ein bisschen peinlich. Auch noch nach dem großen Triumph, als der Papa doch so strahlte. Siegfried Riesch hatte am Montag Geburtstag, er wurde 52, und die Tochter hatte nichts, das sie ihm überreichen konnte. Aus irgendwelchen Gründen hatte Maria Riesch keine Zeit gehabt, etwas zu besorgen.

Aber der „Papa hat gesagt, ein Sieg ist das schönste Geschenk, das ich machen konnte. Dass es geklappt hat, war gut, sonst hätte ich ja nichts gehabt“, erklärte Maria Riesch. Sie hatte den Sieg, das genügte dem Papa in diesem Moment. Es war kein üblicher Sieg, keiner in einer Speed-Disziplin, keiner in einer Disziplin des alpinen Skisports, die der 24-Jährigen so sehr liegt.

Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen hatte am Montag den Slalom in Semmering, dem Luftkurort bei Wien, gewonnen. Ihr zweiter Slalom-Sieg in dieser Saison; im Dezember war sie in La Molina auf Platz eins gelandet. Damals wie am Montag war das eine Überraschung.

Sicher, Maria Riesch hatte im Sommer viel Slalom trainiert, sie musste die schnellen Disziplinen üben, es geht schließlich um den Gesamt-Weltcup, aber eine konzentrierte Trainingsphase im Sommer reicht ja normalerweise nicht aus, um eine Speed-Spezialistin in eine absolute Weltklasse-Slalomfahrerin zu verwandeln. Und deshalb stand Maria Riesch in der klirrend kalten Luft von Semmering und lauschte ergriffen der deutschen Nationalhymne. Und irgendwo unter den Zuschauern standen auch Siegfried Riesch und seine Frau und hatten vermutlich Tränen in den Augen. „Das Witzige ist, dass sie mir das immer einmal schenken wollte“, sagte Siegfried Riesch später, „wir sind ja schon öfter auf dem Semmering gewesen.“

Die Tochter blickte irgendwann mal an diesem Abend aber auch ziemlich ernst und sagte: „Vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen. Als ich in Kranjska Gora so schlecht war, das war die Hölle.“ Schlecht bedeutet übersetzt: Platz 42. Die Hölle, damit hatte sie aber auch die Zeit gemeint, als sie wegen zwei Kreuzbandrissen außer Gefecht war. Und niemand wusste, wie angriffslustig, wie mutig Maria Riesch je wieder Rennen fahren würde.

Aber sie ist wieder da. Vor allem von ihrer grandiosen Bestzeit im ersten Lauf war die 24-Jährige verblüfft. Da lag sie eine halbe Sekunde vor der Finnin Tanja Poutiainen, deren Trainer den Kurs maßgeschneidert für seine Athletin gesteckt hatte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich auf so einem engen Kurs so weit vorn sein würde“, sagte Maria Riesch.

Dieser Sieg hat eine Bedeutung, die über das reine Rennen hinausgeht. Maria Riesch entwickelt sich zu einer Größe in einer Disziplin, in der sie bisher eher als Außenseiterin galt. Derzeit führt sie sogar die Slalom-Weltcupwertung an. Das ist zwar trotz allem eine Momentaufnahme, man darf diese Führung nicht zu sehr hochrechnen, aber es geht um die Botschaft: Maria Riesch lässt sich endgültig nicht mehr als Speed-Spezialistin kategorisieren.

Und vor allem: Der Sieg im Gesamt-Weltcup ist jetzt nicht bloß eine verschwommene Hoffnung, sie hat jetzt wieder Chancen, die Trophäe zu gewinnen. Die 24-Jährige liegt in der Gesamt-Wertung nur 23 Punkte hinter ihrer engen Freundin Lindsey Vonn. Die US-Amerikanerin kam in Semmering auf den dritten Platz. „Wenn vor der Saison jemand gesagt hätte, dass ich nach so vielen Technik-Rennen am Jahresende Zweite im Gesamt-Weltcup bin, hätte ich das nicht geglaubt“, sagte Riesch. Noch Anfang Dezember, im kanadischen Lake Louise, hatte sie resigniert erklärt: „Über den Gesamt-Weltcup müssen wir nicht reden. Dafür ist die Lindsey viel zu gut.“

Die Lindsey hat mit Maria Riesch, wie in den vergangenen Jahren, Weihnachten in Garmisch-Partenkirchen gefeiert. Sie sind zusammen auf den Friedhof und in die Kirche gegangen, und sie haben sich gegenseitig beschenkt. Natürlich hat diesmal auch der Papa von seiner Tochter etwas bekommen. Etwas so Großes, dass er das vorerst fehlende Geburtstagsgeschenk wohl ziemlich leicht verkraften konnte: eine Reise nach Monaco.

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