Sport : Geschichte, die inspiriert

Uruguay will über Jugendarbeit zurück in die Weltspitze – und lässt sich dabei von den großen Erfolgen der Vergangenheit motivieren

Rafael Maranhao[Montevideo]
Betonkoloss. Das Estadio Centenario in Montevideo wurde für die Weltmeisterschaft 1930 gebaut – innerhalb von nur einem Jahr. Ursprünglich fasste es bis zu 100 000 Zuschauer, inzwischen aber musste die Kapazität aus Sicherheitsgründen auf 76 000 reduziert werden.Alle Fotos: Reinaldo Coddou H.
Betonkoloss. Das Estadio Centenario in Montevideo wurde für die Weltmeisterschaft 1930 gebaut – innerhalb von nur einem Jahr....

Oscar Washington Tabarez kommt in Arbeitskleidung zum Gespräch. Basecap, Trainingsanzug, Fußballschuhe. Der Mann ist eigentlich Lehrer, aber einer größeren Öffentlichkeit als Nationaltrainer der großen und stolzen Fußballnation Uruguay bekannt. Vor einem Jahr hat er die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika auf Platz vier geführt. Es war Uruguays größter Erfolg seit 1950, als die Südamerikaner zum zweiten und bislang letzten Mal Weltmeister wurden. Auf der Jacke von Tabarez' Trainingsanzug ist das mit vier Sternen versehene Verbandslogo zu sehen. Warum vier? „Wir zählen auch die zwei Olympiasiege als WM-Titel“, sagt der 63-Jährige. „Deshalb betrachten wir uns als vierfache Weltmeister. Das kann uns keiner nehmen.“

Am Sonntag trifft der selbsternannte viermalige Weltmeister in Sinsheim auf die deutsche Nationalmannschaft. Es ist eine Mini-Revanche für Südafrika 2010, für das verlorene Spiel um Platz drei gegen die Deutschen. Die Stars wie Diego Forlan oder Luis Suarez spielen bei europäischen Topklubs, und die weiteste Anreise hatte mal wieder der Trainer. Nur in Ausnahmefällen fliegt Tabarez zur Beobachtung von Spielen in der Serie A, Premier League oder Primera Division. Er leistet zu Hause Basisarbeit.

Ein Besuch im Centro de Alto Rendimento, dem Trainingsgelände des uruguayischen Verbandes in der Nähe des Flughafens von Montevideo.

Wer mit Oscar Tabarez plaudert, sollte viel Zeit mitbringen. Der Mann redet gern in größeren Zusammenhängen, vor allem wenn es um Fußball und Uruguay geht. Er macht diesen Job schon zum zweiten Mal, und deshalb holt er bis 1990 aus, um seine Geschichte zu erzählen. Damals, bei der Weltmeisterschaft in Italien, endete seine erste Amtszeit. Im Achtelfinale, mit einem 0:2 gegen die Italiener. „Uruguays Stellenwert in der Welt hat sich verändert“, sagt Tabarez. „Wir waren schon immer eine kleine Nation mit wenigen Einwohnern. Aber früher, als wir noch WM-Titel eroberten, galt Uruguay als progressives, wohlhabendes Land mit Sozialreformen und Bürgerrechten.“ Das sei heute nicht mehr der Fall. „Viele Leute haben doch letztes Jahr während der WM in Südafrika erstmals überhaupt von Uruguay gehört.“

Das ist zu einem Großteil auch Oscar Tabarez zu verdanken. Vor fünf Jahren, nach dem peinlichen 0:3 gegen Venezuela und der damit verpassten Qualifikation für die WM 2006, hat er sich noch einmal überreden lassen. Die Niederlage gegen Venezuela war der Tiefpunkt im mystischen Centenario, Montevideos in weniger als einem Jahr für die Weltmeisterschaft 1930 errichteten Betonkoloss.

Die Veränderungen in der Heimat hat Tabarez alle miterlebt. Als Uruguay 1950 zum bislang letzten Mal Weltmeister wurde, war er gerade drei Jahre alt. Danach verpasste Uruguay die Endrunde bis 1974 nur ein einziges Mal. Der Absturz begann in den Achtziger Jahren, als Tabarez auf die Trainerbank wechselte. Zwar eroberte er 1987 mit Peñarol Montevideo noch den Weltpokal, im kommenden Jahre gelang dem Ortsrivalen Nacional das gleiche Kunststück. Fortan aber war für die uruguayischen Klubs in der südamerikanischen Champions League spätestens im Halbfinale Schluss.

Der Niedergang der beiden großen Klubs aus Montevideo steht im direkten Zusammenhang mit dem Exodus der Talente nach Europa. „Dagegen sind wir machtlos“, sagt Tabarez. Doch er versteht die Karrierepläne der jungen Spieler. Eine seiner Hauptaufgaben sieht Tabarez deshalb in der Unterstützung dieser Talente. An drei Tagen in der Woche beobachtet er auf dem Verbandsgelände in der Nähe des Flughafens von Montevideo das Training der Nachwuchs-Nationalmannschaften. Tabarez hebt den Arm und zeigt in Richtung Trainingsplatz. „In ein paar Minuten werden die Burschen der U15 und U17 dort Passübungen machen. Wir haben eine Absprache mit den Vereinen getroffen, die Jungs dreimal die Woche hier trainieren zu lassen, um sie besser kennenzulernen.“ Vor vier Jahren musste Uruguays U15 bei der Copa America nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz Brasilien vorbei ziehen lassen. „Als dieselbe Mannschaft zwei Jahre später zum U17-Turnier einberufen wurde, mussten wir fünf von ihnen aus Europa einfliegen.“

In der Vorhalle des Verbandsgebäudes hängen zehn Schwarzweißfotos mit historischen Aufnahmen der Celeste, wie die Nationalmannschaft wegen ihrer himmelblauen Trikots genannt wird. Tabarez bleibt vor den Fotos mit den Olympiasiegern von 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam stehen und sagt: „Damals mussten die Europäer zur Kenntnis nehmen, dass Fußball in Südamerika neu erfunden wurde.“ Ein überdimensionales Poster zeigt einen Mann, der den Weltmeisterpokal in den Himmel stemmt. Es ist Obdulio Varela, der Kapitän der Helden von 1950. Varela war Uruguays Abwehrchef beim finalen 2:1 in Rio gegen den hohen Favoriten Brasilien. Der Triumph wird noch heute auf „la garra charrua“ zurückgeführt, den vom indigenen Volk der Charrua vererbten uruguayischen Kampfgeist. Varela und seine Mannschaftskameraden hatten sich und ihren Landsmännern 1950 gezeigt, dass selbst ein Land mit nur 3,5 Millionen Einwohnern niemanden fürchten müsse.

Bei der WM 2010 schien der Geist des 1996 verstorbenen Nationalheiligen über die Mannschaft zu wachen. Bevor Uruguay im vergangenen Sommer gegen Südafrika auflief, bekam Diego Forlan in der Kabine eine SMS, und weil sie ihm so gut gefiel, las er sie gleich der gesamten Mannschaft vor: „Diego, dies sind die Momente, in denen wir uns erheben. Je mehr Leute sich gegen uns richten, desto stärker werden wir. Das ist die Geschichte Uruguays. Deshalb wirst du heute Abend das Beste aus dir herausholen. Schon Obdulio sagte seinen Kollegen im mit 200 000 Brasilianern gefüllten Maracana: Los de afuera son de palo.“ Die da draußen sind aus Holz – sie können vielleicht schreien, aber nicht spielen. Von diesen Worten angetrieben brachte Forlan die Vuvuzelas zum Schweigen, erzielte beim 3:0 zwei Tore und führte seine Mannschaft bis ins Halbfinale. „Wir sind sehr stolz auf unsere Geschichte“, sagt Tabarez. „Wir können nicht nur zurückschauen und die Zukunft ignorieren, aber die Vergangenheit inspiriert uns.“

Die SMS nach Pretoria kam von: Pablo Forlan, Diegos Vater. Im Museum von Peñarol gibt es ein paar Fotos von ihm. Zum Beispiel von 1966, als Pablo mithalf, die Copa Libertadores zu gewinnen und später im Weltpokal Real Madrid zu besiegen. „Ich habe oft auf Grillfesten Obdulio und den anderen Helden zugehört, wie sie ihre Anekdoten zum Besten gaben“, sagt Pablo Forlan Bei einem dieser Treffen hörte er auch die Geschichte, die er seinem Sohn schickte. „Als ich die Fans mit ihren Vuvuzelas hörte, habe ich sofort mein Handy gezückt. Vor den Partien haben wir sonst nie Kontakt. Da sollen sich die Spieler konzentrieren. Doch dieser Abend war anders.“

Brasilianische Touristen kommen ins Museum, sie wollen Autogramme und ein Erinnerungsfoto mit Pablo. Er war einst Star des FC São Paulo, der Wechsel ins Ausland kostete ihm die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Damals waren die Uruguayer für ihre rustikale Gangart bekannt. „Zu der Zeit spielten alle hart“, sagt Forlan senior. „In meinen acht Jahren in Brasilien haben manche Verteidiger so brutal hingelangt, dass sie ins Gefängnis gehört hätten.“ In Uruguay gebe es aber keinen Platz für Diskussionen wie in Brasilien und Argentinien, wo stets ein Spektakel gefordert wird, selbst wenn man dabei verliert. „Fußball ist einfach, die Bedeutung von Trainern und Stilen überbewertet. Nur der Sieg zählt. Man muss nicht schön spielen, um zu gewinnen, sondern gewinnen, um schön zu spielen“, sagt Pablo Forlan. „Auf dem Platz unternehmen wir alles für den Erfolg. So denken wir Uruguayer. Es gibt ja einen Schiedsrichter, der entscheidet, was richtig und falsch ist.“

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