Geschichte eines Tattoos : Hertha-Fans können leiden wie keine anderen

Der Fotochef des Tagesspiegels hat das auf erstaunliche Art bewiesen. Als sein Klub abstieg, ließ er sich den Namen und das Gründungsjahr der Berliner in den Unterarm tätowieren.

Kai-Uwe Heinrich
Vom Entwurf bis zur Vollendung. Ein Jahr lang hat Kai-Uwe Heinrich mit Freunden an dem Schriftzug gefeilt, der schließlich auf seinem Unterarm landete – und auch unter dem Hertha-Trikot hervorsticht.
Vom Entwurf bis zur Vollendung. Ein Jahr lang hat Kai-Uwe Heinrich mit Freunden an dem Schriftzug gefeilt, der schließlich auf...Foto: Thilo Rückeis

Hertha-Fan bin ich schon, seit ich elf oder zwölf bin. Letztens habe ich alte Eintrittskarten wiedergefunden, zum Beispiel vom legendären Uefa-Cup-Viertelfinale gegen Dukla Prag in der Saison 1978/1979. Später hatte ich eine ganze Zeit lang andere Sachen im Kopf, bis mich die WM 2006 im eigenen Land wieder angefixt hat. Seit etwa zehn Jahren gehe ich regelmäßig zu den Spielen, seit sieben Jahren bin ich Vereinsmitglied.

Auch beim Tagesspiegel sind wir eine nette Truppe von Hertha-Fans. Der Berliner ist ja kein Erfolgsfan, wie etwa die Anhänger von Bayern oder Dortmund. Du bist Herthaner, weil Du Herthaner bist! 2009/2010 kam dann der fünfte Abstieg für Hertha. Ich erinnere mich, dass ein Kollege aus der Tagesspiegel-Redaktion nach dem Abstieg seines Vereins Borussia Mönchengladbach schrieb, er überlege auszutreten, weil er genug hatte von diesem Auf und Ab. Ich dachte damals: Jetzt mache ich genau das Gegenteil – ich stehe zu meiner Hertha! Werd ick mir mal den Namen und das Geburtsjahr meines Lieblingsvereins auf den Arm stechen lassen.

Ungefähr ein Jahr lang habe ich dann mit Freunden im „Goldesel“ in Charlottenburg an dem Schriftzug gefeilt. Mein Kumpel Ronny hat die Entwürfe mit Edding auf Kneipenblöcke gezeichnet. Denn so ähnlich sollte es aussehen: wie ein Tag, ein Graffiti. Was andere Leute an Hauswände zeichnen, wollte ich auf dem Arm. Dann wurde demokratisch abgestimmt. Nachdem der Entwurf einigermaßen fertig war, ist unser Tagesspiegel-Grafiker Fabian Bartel noch mal drübergegangen und hat die Proportionen angeglichen. Dann ging’s zu Nora, einer Tätowiererin aus Ungarn, die gerade in Berlin war. Und die hat es da druff gestochen. Als es soweit war, haben viele zwar gesagt: „Kai, Du bist doch völlig bescheuert!“ Aber hinterher fanden sie’s doch gut. Das ist mir aber letztlich auch egal. Ich muss es ja gut finden und ich stehe dazu.

Mein erstes Tattoo ist es nicht. Ich wusste also, was auf mich zukommt. Aber das war okay. Zu den schönen Sachen im Leben gehört eben oft auch der Schmerz. Vier Stunden hat das Stechen ungefähr gedauert, in einer Sitzung. Leider kann man kein Bierchen dazu trinken, weil es das Blut verdünnen würde. Deshalb musst Du das nüchtern ertragen.

Ja, und dann haste da was auf dem Arm, was bleibt. Was erstmal total verschorft und du denkst, es fällt wieder ab, aber das tut’s nicht.

Durch das Tattoo komme ich mit vielen Leuten ins Gespräch

Durch das Tattoo komme ich mit vielen Leuten ins Gespräch. Manchmal sitze ich in der Kneipe am Tresen und da kommt einer und sagt: „Is det Dein Ernst?“ Und Du denkst: „Wat hab ick denn jetzt wieder gemacht?“ Wie man so verblödet sein kann, sich diesen Verein draufstechen zu lassen, wollen die dann wissen. Da sage ich immer: „Na, welchen soll man sich als Berliner denn sonst draufstechen lassen?“ Außerdem: Berlin ist die schönste Stadt der Welt und deshalb haben wir auch einen der schönsten Fußballvereine der Welt. Und das ist halt Hertha BSC. Der von der Plumpe!

Neulich war ich für einen Fotoauftrag in der Kinderonkologie und traf einen etwa 14-jährigen krebskranken Jungen. Zuerst war er sehr zurückhaltend, dann sagte er auf einmal: „Mit Dir kann ich nicht mehr sprechen. Du bist Fan von der falschen Mannschaft!“ Und ich sagte: „Wieso? Das ist die richtige! Welcher falschen Mannschaft hängst Du denn an?“ Es war der FC Bayern, und warum auch auch nicht.

Unser eigener Sohn war schon immer Dortmund-Fan, weil er in den 90ern groß geworden ist; da waren die halt sehr erfolgreich. Bei einem seiner ersten Spiele im Olympiastadion hat Hertha Dortmund 6:0 oder 6:1 besiegt. Das fand er gar nicht lustig.

Aber was soll’s, Hertha kriegt ja schließlich selbst oft genug die Hucke voll. Deshalb würde ich mir mein Tattoo niemals weglasern lassen. Niederlagen gehören im Fußball eben dazu.

Fans mit Hertha-Tattoos sehe ich viele im Stadion. Bis in den Winter rein werden die zum Beispiel auf Waden und Oberarmen präsentiert. Der eine oder andere hat auch ein Gesichtstattoo. Fußball ist eben ein Spiegel der Gesellschaft, da ist alles vertreten.

Bei mir soll eines Tages noch mehr dazukommen – bei Tattoos geht es ja irgendwie immer weiter. Zu meinem letzten Geburtstag wurde schon Geld dafür gesammelt. Vielleicht den Dampfer, die alte „Hertha“, die jetzt zurück nach Berlin kommt. Oder fliegende Klorollen, wie man sie im Stadion sieht. Das kam bei meinen Freunden zwar nicht so gut an, ist mir aber letztlich auch egal. Irgendwann kriegt der Schriftzug auf jeden Fall Gesellschaft.

Aufgezeichnet von Silke Zorn. Der Autor ist nicht nur Hertha-Fan, sondern auch Erster Vorsitzender der Fußballabteilung des BSC Eintracht Südring aus Kreuzberg. Mit seinem Klub spielt er immer wieder gerne gegen die Hertha-Amateure.

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