Geschichte : Fußballer auf der Flucht

Beim Hallenturnier in Ost-Berlin vor 20 Jahren eskalierte erstmals der Hass gegen den BFC Dynamo.

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Die Halle tobte. „Stasi-Schweine!“, brüllten die Zuschauer, die bis ans Spielfeld kamen und die Spieler bespuckten. „Wir fühlten uns wie Freiwild“, sagt Frank Rohde, damals Kapitän des BFC Dynamo. Die Ordner sahen nur zu.

Es sollte ein Höhepunkt sein, damals, im Januar 1990: das erste internationale Hallenturnier in Ost-Berlin. Hertha BSC und Blau-Weiß 90 waren aus dem Westen in die Werner-Seelenbinder-Halle gekommen, dazu Bohemians Prag und Pogon Stettin. Unter den 4300 Zuschauern saß als Ehrengast Uwe Seeler, die westdeutsche Stürmerlegende. Doch zwei Monate nach dem Mauerfall entlud sich erstmals so richtig der Hass gegen den als Stasi-Klub verschrieenen BFC Dynamo.

Die Anfeindungen waren dem Serienmeister der DDR nicht neu, „ob in Cottbus, Aue oder Dresden – überall haben sie uns beschimpft“, erinnert sich Rohde. Doch bei jenem Hallenturnier war es anders: „Der Pöbel kam näher ran“, sagt Rohde, und beschreibt: „Du kommst vom Spielfeld und da steht gleich ein Besoffener, der dich anfeindet.“ Der Innenraum war nicht abgeschirmt, die Spieler flüchteten in die Kabinen. Zwei Faktoren kamen zusammen bei diesen dreitägigen Turnier: Zum einen war die Stimmung gegen die Stasi aufgeheizt – erst wenige Tagen zuvor hatten Demonstranten das Ministerium für Staatssicherheit gestürmt und besetzt. Und zum anderen schritten die Sicherheitskräfte, anders als zu Mauerzeiten, nicht ein. „Die haben das alles ein bisschen lockerer genommen zu der Zeit“, sagt Rohde. „Ich kann’s ihnen nicht verdenken, ich wäre da auch nicht dazwischen gegangen.“ Die Zuschauer hätten sich sonst die Ordner vorgenommen.

Der BFC Dynamo unterlag im Finale an jenem 20. Januar 1990 dem 1. FC Union 4:5 nach Verlängerung, Hertha wurde Dritter. Thomas Doll wurde mit zwölf Treffen bester Torschütze und Spieler des Turniers. Doch das alles war nur noch Nebensache, in der mit Feindseligkeit aufgeheizten Halle. „Ich habe meiner Mannschaft gesagt, sie soll ruhig und besonnen bleiben“, sagt Rohde. „Wichtig war, dass keiner handgreiflich wird – wenn ein durchtrainierter Spieler von einem Fan mit Bier übergossen wird und auf ihn losgeht, dann wird’s heiß.“

Das Turnier in der Werner-Seelenbinder-Halle markierte den Anfang vom Niedergang des zehnmaligen DDR-Meisters. „Nach der Wende und dem Hass gegen den BFC Dynamo wollten viele Spieler schnell weg, sich sportlich distanzieren“, erinnert sich Christian Backs, der als Spieler dem Verein bis 1992 treu blieb und seit Sommer Trainer beim heutigen Oberligisten ist. Thom, Doll, Rohde, Ernst, Bonan, Herzog, Reich – sie alle zog es in den Westen. „Das Geld aus den Verkäufen wurde nicht wieder investiert“, sagt Backs. Was mit den Transfererlösen passiert ist – er weiß es auch nicht.

Der Verein verpasste 1991 die Qualifikation für die Bundesliga, über die dritte Liga kam er nicht mehr hinaus. Auch die Fans blieben weg, beklagt Backs, „viele hatten jetzt andere Möglichkeiten am Wochenende und die, die nur gekommen sind, weil wir oben waren, brauchten nicht mehr zu kommen“. Dafür kamen Leute, „die in den 80er Jahren aus Sicherheitsgründen nicht zum BFC durften, die nun aber auf sich aufmerksam machen wollten“. Hooligans liefen dem Verein zu, die Gewalt eskalierte, im November 1990 wurde der BFC-Anhänger Mike Polley bei Krawallen von Polizisten erschossen.

Zwischen 1990 und 1999 nannte der Verein sich FC Berlin, um das Stasi-Image abzustreifen. „Ein Schuss in den Ofen“, sagt Backs – die Umbenennung vergraulte zusätzlich Fans. Auf das Stasi-Image lässt sich Backs nicht gern ansprechen. „Natürlich hat man bei Feierlichkeiten mal den Mielke getroffen“, sagt der 47-Jährige. Und bei den Auswahlmannschaften habe man in der Kabine mit den Spielern anderer Oberliga-Teams offen über „Elfmeter geredet, die wir nicht unbedingt hätten kriegen müssen“.

Dass die Zuschauer den BFC Dynamo deswegen angefeindet haben, glaubt der ehemalige Kapitän Frank Rohde aber nicht: „Die Leute haben gepfiffen, weil wir die besten Spieler hatten.“ Es sei die Motivation seiner Mannschaft gewesen, „denen die Dinger reinzuhauen, damit Ruhe ist.“ Doch so viele Tore konnte Dynamo gar nicht schießen, weder beim Hallenturnier im Januar 1990 noch danach, um die Fans zum Schweigen zu bringen.

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