Sport : Geschichte wird gemacht

Die deutschen Volleyball-Damen stehen bei der EM in der Türkei vor ihrem größten Erfolg

Heiner Martin

Ankara. Hee Wan Lee ist dieser Tage meist guter Dinge. Kein Wunder, schließlich bereitet ihm sein Beruf derzeit ausschließlich Freude. „Wir können für einen historischen Moment sorgen“, sagt er. Der Mann ist kein Geschichts-Fan, sondern Trainer der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft der Frauen. Und das Team von Hee Wan Lee sorgt derzeit in der türkischen Hauptstadt Ankara für Furore. Dreimal 3:0 – die Deutschen hatten gegen die Slowakei, gegen Rumänien und gegen Serbien-Montenegro wenig Mühe. Natürlich, das ist bislang nur die Vorrunde und nicht mal die ganze: Richtig ernst wird es nun für die Deutschen am Mittwoch und am Donnerstag in den letzten Gruppenspielen gegen Titelverteidiger Russland und gegen die Türkei. Ein Sieg aus den beiden Partien reicht den deutschen Damen, um das Halbfinale zu erreichen.

Überstehen die Deutschen die Vorrunde, dann wäre das nach dem WM-Desaster von 2002, als die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes die Finalrunde der besten acht in Berlin verpasst hatte, die Rückkehr in die europäische Spitze. Ein Erfolg gegen Russland hätte – um mit Wan Lee zu sprechen – Volleyball-historische Ausmaße. Die Russinnen wurden 17-mal Europameister, standen nur einmal nicht im Endspiel. Doch der Titelverteidiger ist angeschlagen. Trainer-Legende Nikolai Karpol hat bislang nicht auf seine Spitzenspielerinnen Ekaterina Gamowa und Eugenia Artamonowa bauen können, beide sind gesundheitlich angeschlagen. Nun hoffen sie im deutschen Lager, dass die beiden auch heute nicht auflaufen. „Wenn eine von beiden nicht spielt, dann steigen unsere Chancen“, sagt Hee Wan Lee.

Bis zum Montagabend war der Bundestrainer noch von einem Entscheidungsspiel um den zweiten Halbfinalplatz gegen die Türkei ausgegangen. Dass die Russinnen um ihr Weiterkommen bangen müssen, hatte niemand erwartet. Doch mit der Türkei gibt es einen unerwarteten Kandidaten auf eine Medaille, die Türkinnen schlugen Russland 3:0. Bislang sind die Gastgeber ungeschlagen, ein erstaunlicher Erfolg nach den Unwägbarkeiten vor dem Turnier. Anderthalb Wochen vor EM-Beginn war Nationaltrainer Denis Edinsoy (55) an einem Herzinfarkt verstorben. Trotz der Trauer steht ein Team auf dem Feld, das mit Leidenschaft spielt und von 5500 Zuschauern in der Atatürk-Sporthalle frenetisch angefeuert wird.

Die deutschen Spielerinnen zeigten sich nach deren Sieg über Russland vom Auftritt der Türkinnen mächtig beeindruckt. „Puh, das wird ein heißer Tanz“, sagte Spielführerin Angelina Grün, Italien-Profi in Bergamo. Die dreifache Volleyballerin des Jahres ist wieder mal die Beste im deutschen Team. „Sie ist eine Leitfigur“, sagt Hee Wan Lee über sie. „An ihr orientieren sich alle.“

Früher gab es zwei, drei oder gar vier Italien-Profis wie Sylvia Roll, Hanka Pachale oder Susanne Lahme im Nationalteam. Doch die können oder wollen nicht mehr. So greift der Bundestrainer auch auf Spielerinnen zurück wie Judith Sylvester oder Kathy Radzuweit, die in der Bundesliga mit Bayer Leverkusen eine enttäuschende Saison geliefert haben. Doch im Verbandstrikot läuft es bislang gut, und in den entscheidenden Spielen soll es noch besser werden. Gegen Russland und die Türkei steht die große Bewährungsprobe an. Gelingt der Halbfinaleinzug, dürfte Hee Wan Lees Laune wohl noch besser werden. Der Bundestrainer könnte sich dann zu Recht über einen besonderen Augenblick freuen – zumindest was die deutsche Volleyball-Geschichte betrifft.

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