Sport : Gescholten und gefeiert

Wie Kaiserslauterns Trainer Gerets sein Team neu formte

Oliver Trust

Kaiserslautern . Oft schlich Erik Gerets in den letzten Monaten in das Büro von René C. Jäggi. Immer, wenn Gerets im Türrahmen auftauchte, wusste der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern sofort: Der Trainer hat Frust. „Er hat an sich selbst gezweifelt. Es hat richtig an ihm genagt“, berichtet Jäggi. „Die Arbeit war gut, aber die Resultate blieben aus.“ Nach dem 5:0-Sieg über den 1. FC Nürnberg und dem Sprung auf Rang 16 musste Gerets vor die Pfälzer Anhänger treten. „Wir wollen den Trainer sehen“, riefen sie und feierten ihren Helden. „Weil sie es wollten, bin ich zurück. Freiwillig wäre ich nie gegangen. Wir stehen noch auf einem Abstiegsplatz, da hat man wenig Grund, aus sich herauszugehen.“ Jetzt blies ihm ein Beifallssturm entgegen. „Du bist der beste Mann“, sangen die seligen Fußballfreunde im Südwesten. Seine Wangen röteten sich, und ein paar kleine Hörner hätten ihn in dem Moment zum perfektesten aller „Roten Teufel“ gemacht.

„Er hat viele riskante Maßnahmen getroffen. Es gab Grüppchenbildungen in der Mannschaft, die er ausgemerzt hat. Er hat aus 28 Leuten eine Mannschaft gemacht“, beschreibt Jäggi den nervenzehrenden Weg des Belgiers. Teile des Aufsichtsrates wollten Gerets abschieben und ihm Kalli Feldkamp vor die Nase setzen. Feldkamp stänkerte aus seiner Wahlheimat Spanien, Gerets sei der Falsche, ihm fehle Erfahrung im Abstiegskampf und mit der Bundesliga. Jäggi schlug die Palastrevolution nieder. „Das war für Gerets ein Tiefschlag. Ich habe die Hand über ihn gehalten, und das hat ihm sein Selbstvertrauen zurückgegeben.“ Jäggi schenkte ihm Zigarren, um ihn aufzubauen.

Gerets brauchte lange Wochen, bis er die tief zerstrittene Mannschaft auf Kurs bekam. „Der schlechteste FCK-Trainer“ – so etwas stand in den Zeitungen. Erst als Gerets die Störenfriede Mario Basler und Ciriaco Sforza auf die Bank verbannte, startete der FCK seine Aufholjagd. Heute stören Baslers Eskapaden niemanden mehr. Als er nach dem 3:0-Sieg im Pokalhalbfinale gegen Werder Bremen während des Spiels beleidigt in der Kabine verschwand und später vor der Fernsehkamera fast weinte, stand Gerets neben ihm und sagte trocken: „Ich hätte mir gewünscht, Mario hätte sich mit der Mannschaft gefreut. Was er getan hat, wird es nur einmal geben.“ Gerets führte zwei lange und intensive Gespräche mit Basler. Er machte ihm klar, er habe sich einzufügen oder er sitze bis zum Saisonende nur noch auf der Bank oder der Tribüne. Die Botschaft kam an. Gerets nahm dazu Georg Koch aus dem Tor, der ebenfalls als Unruhestifter gilt.

„Am Anfang war hier alles chaotisch“, sagt Gerets. „Heute fühle ich mich gut, weil in der Mannschaft etwas wächst, und ich fühle mich schlecht, weil wir immer noch auf einem Abstiegsplatz stehen“, sagt der Belgier. „Unser Vorteil ist, dass wir von unten kommen. Ich habe lange gezweifelt, jetzt haben wir eine Chance, und die Mannschaft funktioniert, wir spielen guten Fußball.“ Er sei der beste Trainer, den sie je hatten, erzählen die Spieler nun überall. Selbst der zurechtgestutzte Basler sieht kein Problem mit Gerets: „Wir haben ein gutes Verhältnis, obwohl wir nicht immer einer Meinung sind.“ Andere wie der kleine Portugiese José Dominguez loben Gerets ohne Umschweife: „Er hat mir und der ganzen Mannschaft die Freude am Fußball wiedergegeben.“ Wenn Erik Gerets durch die Stadt geht, feiern sie den Mann, der als Arbeiter gilt. Er kommt aus den Kohlerevieren Belgiens. „Dort habe ich arbeiten gelernt und erfahren, wie glücklich man die Menschen mit Fußball machen kann“, sagt Gerets. „Das spüren die Menschen hier.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben