Sport : Gesenkte Blicke

Leipzigs Olympia-Planer verheddern sich in politischen Intrigen – und im Land macht sich Resignation breit

Robert Ide

Berlin. Am Tag nach dem Ende seiner politischen Karriere war Wolfram Köhler dort, wo er am liebsten ist: in seiner Heimatstadt Riesa. „Man muss wissen, wo man zu Hause ist“, sagte Köhler ins Telefon, und im Hintergrund läuteten die Kirchenglocken zum Reformationstag. Bis Donnerstag war Köhler, der ehemalige Bürgermeister von Riesa, ein politischer Emporkömmling. Mit der Idee, die Olympischen Spiele 2012 nach Sachsen zu holen, hatte er es bis zum Staatssekretär von Ministerpräsident Georg Milbradt gebracht. Doch nach wochenlangen Filz-Vorwürfen wurde er jetzt von Milbradt in den Ruhestand geschickt. Mit 35 Jahren.

Die Leipziger Bewerbung um Olympia ist inzwischen zu einem komplexen politischen Intrigenspiel geworden. Stritten sich am Anfang noch die Stadt Leipzig und das Nationale Olympische Komitee (NOK) um Kompetenzen und Personalien, hat sich der Konflikt inzwischen verlagert. Leipzig und das Land Sachsen sind sich öffentlich uneins – vor allem, weil im nächsten Jahr Landtagswahlen sind. Dort könnte SPD-Herausforderer Tiefensee gegen CDU-Amtsinhaber Milbradt antreten. „Das parteipolitische Gezänk ist der Bewerbung schädlich“, mahnte am Freitag noch einmal Manfred von Richthofen, der Chef des Deutschen Sportbundes. Doch solche Appelle verhallen seit Wochen ungehört – selbst wenn sie von Bundesinnenminister Otto Schily kommen.

Derzeit gibt es einen Mann, der sich erfolgreich mit Olympia zu profilieren vermag: Ministerpräsident Milbradt. Er hatte sich im Streit zwischen Leipzig und dem NOK zurückgehalten; nun ergreift er die Initiative. Zuerst veranlasste er eine Prüfung der fragwürdigen Geschäftsbeziehungen des Olympia-Chefplaners Dirk Thärichen, der inzwischen fristlos entlassen wurde. Das war eine Niederlage für Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, der lange an Thärichen festgehalten hatte – auch als dieser wegen seines Dienstes bei einem Stasi-Regiment in Verruf geraten war. Am Dienstag legte Milbradts künftiger Wahlkampfmanager, Hermann Winkler, sein Mandat im olympischen Aufsichtsrat nieder. Der CDU-Politiker und Präsident des Landessportbundes wollte damit zur Entpolitisierung der Bewerbung beitragen und gleichzeitig andere animieren, „einen ähnlichen Schritt zu tun“. Wieder war Tiefensee gemeint, der sich trotz Drängens von Sportfunktionären und Wirtschaftsführern auf einen politischen Rückzug seine Spitzenkandidatur bis zum Frühjahr offen halten möchte. Nur zwei Tage später musste Köhler gehen, wieder auf Initiative Milbradts. „Es fällt schon auf, wie schnell der Ministerpräsident handelt und wie langsam der Oberbürgermeister“, sagt Winkler süffisant. Auch im Leipziger Rathaus konnte das Leitungspersonal am Freitag eine gewisse Überraschung über den olympischen Personalschwund nicht verhehlen. Köhlers Abberufung war bereits die zweite Personalie, in die Tiefensee nicht eingebunden war.

„Ich hätte als Ministerpräsident genauso gehandelt“, sagt der geschasste Köhler am Tag danach. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass der Olympia-Staatssekretär schon seit einiger Zeit keine rechte Lust auf die Querelen mehr verspürte. Ständige Angriffe aus der Presse und der Landes-SPD auf Grund diffuser Bereicherungsvorwürfe gegen sich und seine Frau hatten Köhler offenbar ebenso zermürbt wie die Entscheidung, seine Heimatstadt Riesa aus dem olympischen Bewerbungsprogramm zu nehmen und die Wettkämpfe auf Leipzig zu konzentrieren. „Ich habe keine Lust mehr, gejagt zu werden“, sagt Köhler. Er scheint ganz froh über seinen Rauswurf zu sein.

Vielleicht liegt das auch daran, dass bei allen Beteiligten langsam der Glaube schwindet, aus den Querelen herauszukommen. Im restlichen Deutschland ist die Begeisterung sowieso dahin. „Die Bewerbung macht derzeit einen provinziellen Eindruck“, sagte Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin am Freitag dem Tagesspiegel. Düsseldorf war in der nationalen Auswahl an Leipzig gescheitert – seitdem ist die olympische Begeisterung im Ruhrgebiet abgeklungen. „In Leipzig scheint es nur noch um Politik zu gehen und nicht um Sport“, kommentiert Erwin. „Mir fehlt da ein Gesamtkonzept, damit endlich der Funke aufs ganze Land überspringt.“ Olympia 2012 sei weiterhin keine nationale Aufgabe, sondern eine „Bewerbung im Erosionsprozess, die sich leider durch Rücktritte, Knatsch und fehlende Führung auszeichnet“. Erwin ist der erste nationale Konkurrent, der Leipzig offen angreift. Der Bürgermeister betont, dass er dies nicht aus Rache tue. Erwin sagt: „Langsam muss man Sorgen haben, dass das alles böse endet.“

Wolfram Köhler in Riesa hätte es vielleicht nicht anders gesagt.

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