Sport : Gespalten vor dem Fernseher

Bosniens Fans feiern die WM-Teilnahme in Berlin.

Paul Kurreck

Berlin - Sonst ist „Chicago“ in kroatischer Hand. Aber an diesem Abend sind viele Fußballfans hergekommen, um die „Drachen“ zu sehen. Es ist ein Spitzname der Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegowina, die sich erstmals für eine WM qualifizieren kann. Mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Litauen. „Das Spiel hat eine riesige Bedeutung für uns alle“, sagt einer. Wie die meisten bosnischen Fans sitzt er an einem Tisch mitten im Raum. „Wir sind gemischt“, erzählt eine Barkeeperin in der Schöneberger Sportsbar „Chicago“, „aber wenn die Kroaten spielen, ist es lauter.“ Deren Spiel in Schottland beginnt erst zwei Stunden später. Doch einige kroatische Anhänger sind schon da. Sie sitzen meist am Rand. „Viele hier sind Kroaten“, sagt dort ein Gast. „Ich bin nur für das Spiel danach da.“ Ob sie denn auch Bosnien unterstützen? „Nein“, sagt ein anderer, als sei das unvorstellbar, „ich bin für Kroatien und Deutschland.“

Die Atmosphäre ist anfangs familiär; Zuspätkommer werden mit vielen Handschlägen in jeder Ecke der Bar begrüßt. Man kennt sich. Deutsch wird hier kaum gesprochen. Am Aussehen lassen sich beide Fangruppen nicht unterscheiden: Sie tragen weder Schals noch Trikots. Die hängen nur an der Wand – von Kovac, Lakic, Olic. Und vom ehemaligen Cottbusser Piplica, dem Torwarttrainer Bosniens.

Die Fans unterscheiden sich vor allem in ihren Reaktionen während des Spiels: Nach den ersten Paraden des litauischen Keepers werden die bosnischen Fans nervöser, einige Kroaten grinsen hämisch. Das steigert sich in der zweiten Halbzeit – bis zur 68. Minute: Vedad Ibisevic erzielt das 1:0. Die Bosnier in der Mitte des Raums jubeln überschwänglich, ein älterer Mann tanzt vor dem Fernseher, am Rand schauen einige genervt weg. Nach dem Abpfiff liegen sich die Bosnier in den Armen und feiern. „Die Drachen fahren zur WM!“, ruft der schon heisere TV-Kommentator. Einer der Kroaten sagt nur: „Mal sehen, wer der Drachentöter sein wird.“ Paul Kurreck

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