Sport : Gespenster auf dem Eis

Nach der finalen Saisonniederlage in Frankfurt feiern bei den Eisbären nur die Fans

Claus Vetter

Frankfurt (Main). Die Spieler des EHC Eisbären wollten schnell weg. Doch sie konnten nicht. Etwa 100 Berliner Fans liefen vor den abfahrbereiten Mannschaftsbus. Sitzblockade auf dem Asphalt. Und dann riefen die Fans: „Vizemeister, Vizemeister EHC“. Doch der Trost kam bei den enttäuschten Passagieren nicht an. Alle blieben im Bus sitzen, kamen der Forderung, sich kurz zu zeigen, nicht nach. Nach einer Viertelstunde erst gingen die Fans beiseite. Es war eine absurde, gespenstische Szene, die sich da am Freitagabend an einer Parkplatzausfahrt neben der Frankfurter Eissporthalle zutrug.

Die Nebendarsteller des Abends wollten fliehen am Ende einer Saison, in der es für sie lange nach dem ganz großen Wurf ausgesehen hatte. Fast waren die Eisbären da, wo sie hin wollten, aber nur fast. Deutscher Eishockey-Meister, das wurden am Freitag die Frankfurt Lions.

Rund um die Halle und auf dem angrenzenden Jahrmarkt, der „Dippemess“, tobte das Volk. Erstmals Meister. Mittendrin waren die Eisbären, in der hessischen Party, die Freitag begann und am Montag auf dem Frankfurter Römer ihren Höhepunkt finden soll. Die Berliner hatten das Fest durch ihre Fehler im vierten Finalspiel eingeläutet. Die Lions siegten schließlich 4:3. „Da sieht man, zu was es ein echtes Team bringen kann“, sagte Paul Stanton, der Kapitän der Lions. Außenseiter Frankfurt hatte dreimal in Folge gewonnen. So schnell kann das gehen im Eishockey. Am Gründonnerstag noch schien nach dem Berliner 5:2 im ersten Endspiel alles für den Favoriten zu laufen. Acht Tage später feierten die Berliner Fans dann einen Titel, den es nicht einmal rhetorisch gibt: die Vizemeisterschaft.

Nur in den Schlussminuten eines ansonsten einseitigen Spiels hatte der Tabellenerste der Hauptrunde der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) das demonstriert, was ihn in den Play-offs lange so stark gemacht hatte: Spielkultur und Kampfgeist. Warum es nur für ein paar gute Minuten reichte? „Das ist die Frage der Saison“, sagte Eisbären-Manager Peter John Lee. Und sein Trainer Pierre Pagé räsonierte nach der Niederlage ganz unaufgeregt über die schwachen Auftritte seiner Stars. Das machte Pagé geschickt, indem er die lobte, die auch im letzten Spiel dagegengehalten hatten. Die beiden jungen deutschen Stürmer Nils Antons und Florian Busch, dann die Verteidiger Ricard Persson und Darryl Shannon und Stürmer Florian Keller. „Unsere vierte Sturmreihe war unsere beste“, sagte Pagé. „Natürlich ist das zu wenig. Im wichtigen Moment waren viele Spieler nicht da, wo sie hätten sein sollten.“ Das sahen selbst einige Spieler so. Torwart Rich Parent etwa, der eine höhere Niederlage verhindert hatte. „Unglaublich“ fand der Kanadier das, was sich vor seinem Tor abgespielt hatte. „So viele Fehler, und das in einem Finale, das darf nicht sein.“ So war es aber. Warum? Die drei US-Amerikaner David Roberts, Kelly Fairchild und Mark Beaufait tauchten im entscheidenden Moment ab. Und dann ist das Verhältnis des Sturmtrios und von anderen Spielern zu Trainer Pagé nicht das beste.

Fehlen den Eisbären die Kämpfertypen? Manager Lee schüttelte den Kopf. „Die haben sich doch durch die Play-offs gekämpft. Das ist doch Quatsch.“ Fast alle Spieler haben laufende Verträge, und der Trainer heißt kommende Saison Pierre Pagé. Es fehlt also der Spielraum für einschneidende Änderungen. Daher wird es nicht einfach für die Eisbären, nachdem sie zum zweiten Mal in Folge auch an ihren eigenen Erwartungen gescheitert sind: im Vorjahr im Halbfinale, diesmal im Finale. Da half es auch nicht, dass Lee darauf verwies, „dass wir weiter gekommen sind als vor einem Jahr“. Genau genommen war diese Saison die erfolgreichste in der Geschichte der Eisbären. Sie waren näher am Titel dran als 1998, bei ihrer ersten Finalteilnahme. Sie haben in einer Zeit, in der es im Berliner Profisport größtenteils eher holprig läuft, Erwartungen geweckt. Und sie haben diese Erwartungen enttäuscht. Statt mit einem feierlichen Empfang im Roten Rathaus endet nun die Saison der Eisbären auf der kleinen Bühne im Hohenschönhausener Kiez: um 14.30 Uhr bei der Saisonabschlussfeier im Sportforum.

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