Sport : Gestürzt und respektiert

Trainer Meyer muss mit Hertha zum wegweisenden Spiel nach Gladbach, wo er einst kultisch verehrt wurde

Stefan Hermanns

Mönchengladbach. Vor kurzem hat Hans Meyer eine hitzige Diskussion geführt. Es ging um das Pokal-Halbfinale, das Borussia Mönchengladbach bei Alemannia Aachen verloren hat. „Ihr macht euch das zu einfach!“, schimpfte Meyer, als er auf die spielerische Armut bei den Gladbachern angesprochen wurde. Dann erklärte er, warum ein Abstiegskandidat aus der Fußball-Bundesliga einen Aufstiegskandidaten aus der Zweiten Liga nicht einfach an die Wand spielen könne. Und irgendwann, als er sich richtig in Fahrt geredet hatte, sagte Hans Meyer, der Trainer von Hertha BSC, schließlich „Wir“ – und meinte Borussia Mönchengladbach.

So etwas kann in der Erregung schon mal passieren, in den letzten Tagen aber hat Meyer peinlichst genau darauf geachtet, solche Versprecher zu vermeiden. Wenn er auf Herthas Auswärtsspiel am Samstag in Mönchengladbach angesprochen wird, ist er erkennbar bemüht, gar nicht erst den geringsten Verdacht aufkommen zu lassen, dass er sich in einem Interessenkonflikt befinden könnte. Knapp dreieinhalb Jahre hat Meyer als Cheftrainer in Mönchengladbach gearbeitet, seit Januar steht er bei Hertha unter Vertrag, und das Verzwickte für Meyer ist: Beide Teams kämpfen noch gegen den Abstieg.

Hans Meyer hat einmal gesagt, dass er zu zwei Vereinen aus seinem Lebenslauf eine besondere Beziehung besitze: der eine ist der FC Karl-Marx-Stadt, weil er dort ab Mitte der Achtzigerjahre eine neue junge Mannschaft nach seinen Vorstellungen aufbauen konnte; der andere Borussia Mönchengladbach, der westdeutsche Traditionsklub, den er 1999 als Tabellenletzten der Zweiten Liga übernommen und zwei Jahre später zurück in die Bundesliga geführt hat. Noch immer besitzt Meyer Bindungen an den Verein. Mit Torhüter Jörg Stiel telefoniert er gelegentlich, und erst vor drei Wochen, am Tag vor Herthas Spiel in Leverkusen, war Meyer zur Beerdigung von Borussias Präsident Adalbert Jordan in Mönchengladbach. „Das rechne ich ihm sehr hoch an“, sagt Gladbachs Vizepräsident Siegfried Söllner.

Am Bökelberg ist Meyer während seiner Amtszeit fast kultisch verehrt worden. In Anlehnung an Borussias Trainerlegende Hennes Weisweiler wurde er „Hennes“ genannt, und bei der Mitgliederversammlung vor einem Jahr setzten die Fans den Antrag durch, Meyer zum Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen. Trotzdem glaubt Herthas Trainer: „Für die Zuschauer wird es sehr belanglos sein, ob ich da unten stehe. 300 werden pfeifen, 300 werden klatschen, dem Rest ist es egal.“ Vermutlich irrt er mit dieser Ansicht. Vizepräsident Söllner sagt, es werde ein sehr merkwürdiges Gefühl für alle werden.

„Das Denkmal ist eingestürzt, der Respekt ist noch da“, sagt Thomas Weinmann, Borussias Fanbeauftragter. Wie Meyer auf dem Bökelberg empfangen wird? „Keine Ahnung“, sagt Weinmann. Meyers Abgang fand er „nicht so ruhmreich“, und mit dieser Ansicht steht Weinmann nicht allein. Die Unstimmigkeiten sind vor allem dadurch entstanden, dass Hans Meyer vor 13 Monaten nach seinem Rücktritt als Cheftrainer offiziell verkündet hatte, er werde nie mehr in diesem Beruf arbeiten. Dass er seine Meinung geändert hat, hat viele irritiert, allerdings nur zeitweise, wie Vizepräsident Söllner sagt. Der Verein habe keine Probleme mit dem früheren Trainer: „Warum sollen wir auf einmal ein negatives Bild von Hans Meyer bekommen?“

In einem Gespräch mit der „Bild“-Zeitung hatte Borussias neuer Präsident Rolf Königs in dieser Woche einen anderen Eindruck erweckt. Man rede nicht mehr von der Person, sondern nur noch vom „Fall Meyer“. Seine Vorstandskollegen und er hätten Ende vorigen Jahres schließlich erst aus den Medien erfahren, dass Meyer bei Hertha anfangen wolle, behauptete Königs.

In Wirklichkeit hat Meyer, der damals noch als Scout für die Gladbacher tätig war, Borussias Vereinsführung nach dem letzten Hinrundenspiel von seinen Plänen unterrichtet. Schon vor der Begegnung mit 1860 München, bei einem Besuch im Mannschaftshotel, hatte er angekündigt: „Es kann sein, dass ich Sie nach dem Spiel noch einmal sprechen muss.“ Als die Gladbacher dann mit dem Sieg ihren Vorsprung auf Hertha auf sechs Punkte ausgebaut hatten, glaubte Meyer, dass sich sein alter und sein neuer Verein in dieser Saison nicht mehr in die Quere kommen würden. Daraufhin sagte er bei Hertha zu.

Doch genau der Fall, den Meyer eigentlich ausschließen wollte, könnte am Samstag eintreten. Wenn die Gladbacher verlieren, haben sie ihren Sechs-Punkte-Vorsprung aus der Winterpause komplett verspielt. Borussias sportliche Leitung hat diese Gefahr sehr wohl gesehen, trotzdem musste sie Meyers Wechsel nach Berlin am Ende zustimmen. Auch deshalb sagt Präsident Königs: „Hans Meyer hat bei uns noch etwas gutzumachen.“ Hans Meyer wird das vermutlich anders sehen.

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