Sport : Gesucht wird Mannschaftsgeist

Worauf es bei Hertha BSC in den nächsten neun Tagen im Trainingslager ankommt

André Görke,Michael Rosentritt

Von André Görke und

Michael Rosentritt

Berlin. Willkommen in Österreich. In der Illwerk-Kantine im Städtchen Schruns steigt am heutigen Abend ein Bridge-Turnier, am Mittwoch findet in der Nachbargemeinde das „Große Platzkonzert“ statt, und fürs Wochenende stehen der Schrunser Wochenmarkt und das „Dörfli Fest“ an. Herzlich willkommen. Willkommen Hertha BSC.

Am gestrigen Nachmittag sind die Fußballprofis des Berliner Bundesligisten vor ihrem Mannschaftshotel vorgefahren. Neun Tage werden sie sich in Österreich auf die Bundesliga-Saison vorbereiten. Am 2. August schon steht das erste Heimspiel gegen Werder Bremen an, viel Zeit bleibt da nicht für Herthas Trainer Huub Stevens. Seit zwei Wochen befindet sich seine Mannschaft im Training, die Nationalspieler sind es seit einer Woche. In den vergangenen Tagen hat Stevens in zwei Trainingseinheiten am Tag das Fundament gelegt und seine Spieler viel laufen lassen. Freie Tage gab es nicht. Am Samstag joggten die Spieler zwar nicht über das Trainingsgelände, kickten stattdessen aber im Harz gegen Halberstadt. Für Hertha BSC hieß es am Ende 5:0, und Fredi Bobic sagte: „Jetzt kommt der Feinschliff im Trainingslager.“

Bobic spielt dabei in den nächsten Tagen eine wichtige Rolle. Er soll als Führungsspieler ins Team wachsen, vielleicht sogar als Kapitän, obwohl die Spieler nach dem Karriereende von Michael Preetz Abwehrchef Dick van Burik favorisieren. Aber schon die Frage nach dem neuen Kapitän macht deutlich, worum es im Trainingslager auch geht: um den sozialen Aspekt, um das Mannschaftsgefüge. Besser noch: um einen neuen Mannschaftsgeist.

Die Spieler sind abgeschottet. Sie frühstücken gemeinsam, trainieren gemeinsam, und abends pokern sie. Huub Stevens wird auch darauf achten, dass die Spieler Spaß haben, dass sie ein Gefühl für den anderen bekommen. Im vergangenen Jahr organisierte der Trainer eine Radtour und eine Kanufahrt. Das brachte Lockerheit, Abwechslung. Im Gegensatz zum Vorjahr hat Hertha einen Vorteil. Die Spieler haben sich an den Trainer, seine Wortwahl und seine Art gewöhnt, „sie wissen jetzt, was er verlangt“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. Stevens wiederum hofft, dass „die Mannschaft selbstständiger wird“.

Nach Österreich sind insgesamt 27 Profis gereist, am Tag stehen zwei Einheiten auf dem Programm. „Die Ausdauer haben wir schon“, sagt Niko Kovac. Jetzt gehe es in die nächste Phase. Die besteht aus dem athletischen und einem spielerischen Teil. Wer läuft wie? Wer hat wo seine Stärken? Und wer passt zu wem? Für Stevens ist das wie ein Puzzle, es sind einzelne Spieler, die alle ihre Vorteile haben, aber nur in Kombination ein gutes Gesamtwerk abliefern. „Balance“, nennt das der Trainer. In der Liga wird Hertha ein 4-4-2-System spielen, tritt der Gegner defensiv auf, könnte es sich zu einem 3-5-2 verschieben. All das wird Stevens in die spielerischen Übungen einfließen lassen. Bei Standardsituationen. Bei Spielzügen.

So passt es auch, dass Hertha erst an den letzten beiden Tagen des Trainingslagers ein Testspiel bestreitet. Zu diesem Zeitpunkt ist die Experimentierphase abgeschlossen. Beim Alpencup spielt Hertha am Samstag gegen Sparta Prag. Im Fall eines Sieges würden die Berliner am Tag darauf auf den Sieger des Spiels zwischen dem 1. FC Köln und Bregenz treffen. Danach beginnt in Berlin die letzte Phase, in der die Spritzigkeit des Teams gefördert werden soll. Und dazu gehört auch noch der Liga-Pokal, bei dem sich Hertha bundesweit präsentieren muss. Das Fernsehen überträgt live, und für Hertha ist diese Pokalrunde der besten sechs Teams aus der Vorsaison ein heikles Thema. Hertha gewann ihn in den letzten Jahren, stolperte danach aber in die Saison hinein. Hoeneß will deshalb lieber an das „anknüpfen, was wir uns teilweise in der Rückrunde erarbeitet hatten. Wenn das gelingt, bin ich optimistisch“. Die Mannschaft, sagt Hoeneß, müsse „schneller von Defensive auf Offensive umschalten können, dabei flexibel sein, ohne die Balance zu verlieren“.

Das alles sind gute Vorsätze, die ein Team haben muss, wenn es neu angreifen will. Neun Tage hat Hertha BSC nun Zeit, um den Grundstein dafür zu legen, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Auf das Abendprogramm der Gemeinde Schruns müssen die Spieler aber wohl verzichten.

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