Sport : Getrenntes Feiern

Hertha gewinnt ein schwaches Spiel gegen Frankfurt 2:1 – der Anhang schweigt.

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Der Mann, der immer trifft. Ronny schoss Hertha mit seinem neunten Saisontor zumindest für zwei Tage an die Tabellenspitze. Foto: dpa
Der Mann, der immer trifft. Ronny schoss Hertha mit seinem neunten Saisontor zumindest für zwei Tage an die Tabellenspitze. Foto:...Foto: dpa

Berlin - Eine Fußballmannschaft, die gerade ein erfolgreiches Halbjahr mit der Tabellenführung abgerundet hat, sollte mit den eigenen Fans einiges zu feiern haben. Die Spieler von Hertha BSC brachen jedoch nach dem 2:1 (0:0) gegen den FSV Frankfurt, das vorläufig die Spitzenposition brachte, ihre Ehrenrunde vor der Ostkurve ab, hörten auf zu klatschen und gingen davon. Die Botschaft an den harten Kern der Fans im Olympiastadion: Ihr habt uns nicht unterstützt, also bedanken wir uns auch nicht, eine Art Protest gegen das Protestschweigen. „Das erklärt sich von allein“, sagte Kapitän Peter Niemeyer zu der Reaktion des Teams.

Es war ein seltsames Spiel. Hertha hatte zwar durch den Sieg vorläufig Spitzenreiter Braunschweig überholt und wenn die Eintracht am Montag nicht gegen den 1. FC Union gewinnt, winken Winterferien auf Platz eins. „Besser geht’s jetzt nicht, als so Weihnachten zu feiern“, sagte Niemeyer, der sich mit einem Bier auf die abendlichen Weihnachtsfeier und den Urlaub einstimmte. Gleichzeitig war die Spielqualität wie die Unterstützung der Fans – kaum vorhanden. „Es war schon komisch, dass uns nach so einer geilen Halbserie die Bedingen so erschwert wurden“, sagte Niemeyer zum Schweigen des Publikums, mehr Anfeuerung durch die Fans „hätte uns geholfen, wir haben uns schwer getan“, sagte Peer Kluge.

An der Stille lag es aber nicht, dass Kluge, der nach zehn Sekunden frei vor dem Frankfurter Tor auftauchte, den Ball danebenlegte. „Scheiße, den musste ich natürlich machen“, sagte er hinterher, „dann wäre es ein anderes Spiel geworden.“ Schon bei Kluges Blitzchance hielten viele der nur 29 851 Zuschauer das Protestschweigen gegen das auch von Hertha mitbeschlossene Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nicht durch und schrien laut auf. Trotz des ausgerollten Spruchbands „Vor lauter Dialogbereitschaft habt ihr vergessen, mit uns zu sprechen“ schienen die Hertha-Fans sich uneins: Der Unterrang der Ostkurve schwieg, doch der Oberrang sang immer wieder. Mal waren nur die etwa 50 Gästefans zu hören, dann wieder herrschte Stille, die dem Spiel auch angemessen schien.

So spektakulär wie nach Kluges Chance zu Beginn ging es nicht weiter. Frankfurt zog sich weit zurück und Hertha spielte offensiv zu statisch, die Außen Ben Sahar und Sami Allagui waren schwach und Ronny wurde vom Frankfurter Yannick Stark zeitweise in Manndeckung genommen.

Der Brasilianer verlor sichtlich die Lust am Spiel, verlegte sich lange auf Standfußball und Distanzschüsse. Da die Frankfurter ihre Kontergelegenheiten schlecht ausspielten und erst nach einer halben Stunde den ersten Torschuss hinbekamen, entwickelte sich ein besinnlich-langweiliges Vorweihnachtsspiel. „Wir waren spielüberlegen, aber haben daraus wenig echte Chancen entwickelt“, sagte Trainer Jos Luhukay später. Die Hertha-Fans jedenfalls brachen zur Halbzeit kollektiv ihr Schweigen – sie pfiffen.

Nach der Pause wechselte Gästecoach Benno Möhlmann seinen besten Saisontorschützen Edmond Kapllani aus. Überraschenderweise wurden die Frankfurter dadurch gefährlicher. Zehn Minuten nach der Pause verursachte John Anthony Brooks einen unnötigen Freistoß vor dem eigenen Strafraum. Der landete in der Mauer, aber von dort kam der Ball zu Michael Görlitz, der zog ab – 1:0 für die Gäste. Es hatte sich abgezeichnet, denn bis dahin fehlten Hertha Struktur, Leidenschaft und saubere Anspiele. Für Sahar und Allagui kamen Hany Mukhtar und Elias Kachunga – zum ersten Mal seit dem Hinspiel, Herthas einziger Saisonniederlage – aber es wurde nicht besser.

Hertha fehlten klare Chancen, und von den Rängen gab es praktisch keine Unterstützung. Zehn Minuten vor Schluss wurden die Fans plötzlich doch laut: Die Frankfurter hatten noch mit dem Schiedsrichter über einen Freistoßpfiff diskutiert, Ronny führte schnell aus, schickte Marcel Ndjeng steil und der Rechtsverteidiger traf zum Ausgleich. „Man hat auch mal eine Sternstunde“, sagte Ndjeng später trocken. Das Stadion jedenfalls brüllte. Auf einmal war der Großteil der Fans wieder da. Plötzlich eroberte Fabian Lustenberger den Ball, stürmte los, passte quer und Ronny drosch den Ball flach ins rechte Eck, der Siegtreffer. „Das war eine unglaubliche Energieleistung“, lobte Luhukay, wie das Team das Spiel noch drehte. „Wir haben jetzt 14 Tore in der letzten Viertelstunde erzielt, das zeigt den Charakter der Mannschaft.“ Den Rest des Spiels sangen die Fans selig durch, „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“ Aber am Ende feierten die Anhänger und Mannschaft getrennt.

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