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Gewalt auf Berliner Fußballplätzen : Der Aufstand der Schiedsrichter

20.10.2011 17:04 Uhrvon
Neue Unsitten. Inzwischen werden auf Berliner Fußballplätzen tatsächlich Schiedsrichter verprügelt. Der Unparteiische Gerald Bothe wäre sogar fast an den Folgen der Schläge gestorben. Foto: UllsteinBild vergrößern
Neue Unsitten. Inzwischen werden auf Berliner Fußballplätzen tatsächlich Schiedsrichter verprügelt. Der Unparteiische Gerald Bothe wäre sogar fast an den Folgen der Schläge... - Foto: ullstein bild - Werner OTTO

Am Wochenende verlassen Berlins Schiedsrichter in der 10. Minute kurz die Spielfelder. Aus Protest gegen Gewalt und Beleidigungen gegen Unparteiische. Was ist auf den Plätzen los? Ein Einblick.

Ob er blind sei, will der junge Mann von Lothar Knaack wissen. Der reagiert nicht. Dann wieder: „Schiri, bist du blind?“ Knaack bleibt cool. Erst als ein Spieler zum dritten Mal hintereinander eine Entscheidung kommentiert, diesmal sogar nicht jugendfrei, bleibt ihm keine andere Wahl: er zeigt ihm Gelb-Rot.

Eine gute Stunde später steht Lothar Knaack im Innenraum des Stadion Wannsee, das Pokalspiel zwischen den Reservemannschaften von Wannsee und Lichterfelde hat er ohne größere Zwischenfälle zu Ende gebracht. Knaack zieht zufrieden Bilanz: „Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten – ein guter Tag“, sagt er. In der Fußball-Bundesliga wäre das was anderes, aber hier, bei den Amateuren, da geht das in Ordnung, findet er.

Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten - das ist inzwischen normal in Berlin

So wie bei Lothar Knaack hat sich die Wahrnehmung von vielen Berliner Schiedsrichtern geändert. Zwei Platzverweise, beide wegen Schiedsrichterbeleidigung, gehören inzwischen zum Alltag. Seit zehn Jahren ist Knaack Schiedsrichter. Ein großer, kräftiger Mann, dem man seine Vergangenheit als Torhüter in den höchsten Berliner Amateurspielklassen ansieht. Vor ihm haben die Spieler Respekt, tätlich angegriffen wurde er noch nie. Spiele leitet Knaack noch immer mit Leidenschaft, aber seit sein Sohn die Schiedsrichterei aufgegeben hat, betrachtet er das Geschehen auf den Plätzen kritischer.

Denn es kann auch schlimmer zugehen auf den Plätzen. Im September wurde der Schiedsrichter Gerald Bothe von einem Spieler einer Alt-Herren-Mannschaft ins Krankenhaus geprügelt, weil er ihn vom Platz gestellt hatte. Bothe würde heute vielleicht nicht mehr leben, wenn unter den Spielern nicht zufällig ein Sanitäter gewesen wäre, der ihm die verschluckte Zunge wieder aus dem Rachen geholt hätte. Der Fall sorgte für Bestürzung, einige Schiedsrichter wollten streiken. So weit ist es nicht gekommen, trotzdem wird es an diesem Wochenende eine Protestaktion geben. Alle Spiele, von der Berlin-Liga bis zur Kreisklasse, werden in der zehnten Minute für einige Zeit unterbrochen; der Schiedsrichter wird dann das Spielfeld verlassen und die Spieler im besten Fall zum Nachdenken bewegen. „Es geht darum, ins Gespräch zu kommen und wieder Respekt füreinander zu entwickeln“, sagt Bodo Brandt-Chollé, der beim Berliner Fußball-Verband (BFV) die Schiedsrichter betreut. Auch die Berliner Profischiedsrichter Felix Zwayer und Daniel Siebert werden die Aktion unterstützen und Spiele in den unteren Klassen leiten.

Gewalt gegen Unparteiische ist zum Problem geworden im Amateurfußball, nicht nur in Berlin. Beinahe wöchentlich gibt es Meldungen von Spielabbrüchen, Massenschlägereien und Polizeieinsätzen – egal ob aus Bayern, Hessen oder anderen Teilen der Republik. Erst kürzlich wurde ein Fall aus Nordrhein-Westfalen bekannt, wo ein Schiedsrichter zuerst niedergeschlagen und anschließend mit Tritten malträtiert wurde. Beim BFV hat die raue Umgangsweise auf den Plätzen dazu geführt, dass immer weniger Leute Lust haben, Schiedsrichter zu werden. „Das Problem wird für uns immer größer, wir haben jetzt schon viel zu wenige Schiedsrichter“, sagt Brandt-Chollé. Das Vakuum führt dazu, dass die, die noch da sind, Leute wie Lothar Knaack, oft mehrmals an zwei Tagen im Einsatz sind. Ein Wochenende kann dann so aussehen: Am Vormittag ein Juniorenspiel in Lichtenrade, Nachmittags dann Kreisliga A in Hohenschönhausen. Der Sonntag beginnt mit einem Seniorenspiel in Neukölln und endet mit einem Duell in Hohen Neuendorf. Die Spielorte wechseln, Beschimpfungen bleiben. Die elf Euro, die ein Schiedsrichter pro Einsatz vom Verband bekommt, entschädigen da kaum.

Schläge, Tritte, Beleidigungen - Lesen Sie auf Seite 2, warum immer weniger Leute Lust haben, Schiedsrichter zu werden

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