Gewalt : Dresden im Abseits

Die Stadt ist berühmt für barocke Pracht – und rabiate Fußballfans von Dynamo Dresden. Die Dynamos Ultras langten neulich wieder zu. Heute, beim Heimspiel gegen den alten DDR-Rivalen Erzgebirge Aue, ist die Nervosität groß.

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Spiel mit dem Feuer. Dynamo-Fans beim DFB-Pokal-Spiel gegen Dortmund im Oktober. Wegen der Randale wäre die Begegnung fast abgebrochen worden.
Spiel mit dem Feuer. Dynamo-Fans beim DFB-Pokal-Spiel gegen Dortmund im Oktober. Wegen der Randale wäre die Begegnung fast...Foto: IMAGO

Raketen zischen quer über den Platz, Betonbrocken prasseln auf den Rasen. Ins Stadion rollt ein Wasserwerfer, der Schiedsrichter ist kurz davor, die Partie abzubrechen. Schon vor dem Spiel zogen randalierende junge Männer durch die Stadt, den Schlachtruf „Ausländer raus!“ auf den Lippen. Das Fernsehen wird später von den „schwersten Ausschreitungen im deutschen Fußball“ berichten. Die Bilder sprechen eine klare Sprache: In Dresden hausen die Hooligans.

Die Szenen ähneln denen, die im Oktober beim Spiel gegen Dortmund ganz Deutschland schockierten. Doch was hier beschrieben wird, liegt bereits 20 Jahre zurück. Im März 1991 spielte Dynamo Dresden als letzter Landesmeister der untergegangenen DDR im Europapokal gegen Roter Stern Belgrad. Das Hinspiel in Jugoslawien hatte 3:0 für den Hausherrn geendet, noch auf der Heimfahrt in zerbeulten Fanbussen riefen die Dresdner die Parole für das Rückspiel aus: Rache für Belgrad! Tausende folgten dem Schlachtruf ins Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, dessen marode Tribünen brockenweise auf den Rasen flogen, als Belgrad in Führung ging. In der 78. Minute wurde das Spiel abgebrochen. Es war Dynamos unrühmlicher Abschied von der internationalen Bühne.

"Damals haben sie den Scheinwerfer über uns angeknipst", sagt Jens Hieckmann, 47, weicher Dresdner Dialekt, kräftiger Körperbau. "Der brennt bis heute." Niemand, der besser Bescheid wüsste über Dynamo als „der Hicki“, sagen Leute, die ihn kennen, und das tun eigentlich alle. Seit 40 Jahren geht er ins Stadion, sein Revier ist die Kurve, Stehblock K.

Auf dem heimischen Sofa erzählt er von seiner großen Liebe, seinen „schwarz-gelben Männeln“. Vom Bierchen mit Kultspieler Ansgar Brinkmann in der Kabine, von den Machtkämpfen der Nachwendezeit, dem tiefen sportlichen Fall in die vierte Liga. Und vom Schicksalsspiel gegen Osnabrück im vergangenen Mai, als die Dynamo-Anhänger, ergebnisarithmetisch mit dem Rücken zur Wand, schon vor Spielbeginn sangen: „Wir gewinnen sowieso.“ Und wie sie nach dem Siegtreffer den Platz stürmten, endlich zurück in Liga zwei.

Zu Oberligazeiten war die Sportgemeinschaft Dynamo, gegründet 1953, der beliebteste Fußballverein der DDR, mit Fans von Erfurt bis zur Ostsee. Die Dresdner waren die Einzigen, die dem Serienmeister BFC Dynamo dauerhaft Paroli bieten konnten, ein ums andere Mal schnappten sie dem Stasi-Klub aus Berlin die sicher geglaubte Trophäe weg. Acht Mal Meister, sieben Mal Pokalsieger, so steht es auf den Wimpeln im Fanshop. Heute, wo in der ersten Bundesliga kein Vertreter aus den neuen Ländern mehr spielt, gilt Dynamo vielen als letzte große Hoffnung des Fußball-Ostens.

Trotz der sportlichen Erfolge aber sind die Sympathiewerte für Schwarz-Gelb im Keller. Die ständigen Ausfälle der Anhänger haben den Ruf ramponiert. Die Krawallnacht von Dortmund vor vier Wochen, die mit 15 Festnahmen endete: ein weiterer Tiefschlag. „Dynamo ist in der Beziehung ’ne Marke“, sagt Hieckmann.

In der Heimat würde man auf diese Art von Ruhm gerne verzichten. Vor einigen Tagen erst druckte die „Sächsische Zeitung“ eine ganze Seite Leserbriefe: Unterentwickelte Straftäter! Verein auflösen! Schickt das SEK in den Block!

Der Aufstieg von Dynamo Dresden
Die Mannschaft von Dynamo Dresden feiert zusammen mit den Fans den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Im zweiten Relegationsspiel setzte sich das Team gegen den VfL Osnabrück mir 3:1 nach Verlängerung durch.Weitere Bilder anzeigen
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25.05.2011 10:27Die Mannschaft von Dynamo Dresden feiert zusammen mit den Fans den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Im zweiten Relegationsspiel...

Auf ihre Stadt lassen die Dresdner nichts kommen. Gerade jetzt, wo sie so schön rausgeputzt ist. Die Frauenkirche steht wieder, Semperoper und Staatliche Sammlungen melden Besucherrekorde. Die Bilder marodierender Horden beschmutzen den Ruf als Hort der Hochkultur. Ein langjähriger Theaterintendant polterte, es sei eine Schande für die Kulturstadt, Millionen in einen drittklassigen Verein zu stecken statt in ein vernünftiges Konzerthaus: „Glauben Sie, ein Hooligan nimmt sich ein Hotelzimmer?“

Hieckmann weiß das alles. „Zu meinem Kumpel Gaschi sag ich immer: Niemand könnte ich so wenig leiden wie uns selbst. Weil, mal ehrlich, wir sind ein Haufen unaufgeräumte Zeitgenossen, die verpeilt in der Gegend rumziehen. Uns kann eigentlich keiner so richtig brauchen.“

Christian Kabs und seine Kollegen vom Dresdner Fanprojekt kümmern sich um diese Klientel. Vor neun Jahren von Anhängern aufgebaut, als es nach einem Stadtderby mächtig gekracht hatte, steht das Projekt heute auf professionellen Beinen. Förderer sind Stadt, Land, DFB. Die Sozialarbeiter organisieren Fußballturniere, schlichten Ärger mit Ordnungsdienst oder der Polizei. Vor Auswärtsspielen klären sie die Sicherheitskräfte auf, dass der Dynamo-Fan in emotionalen Momenten gerne mal auf die Zäune steigt. „Damit kein Ordner denkt, die wollen das Spielfeld stürmen“, sagt Kabs. Der 37-Jährige hat seine Diplomarbeit über Hooligans geschrieben.

Im heimischen Stadion, zwei Straßenbahnstationen vom Altmarkt entfernt, veranstaltet das Fanprojekt Workshops für Schulklassen. Sogar die VIP-Räume mit Blick auf den Rasen dürfen genutzt werden, nur die weißen Designerstühle sind tabu. Heute ist die 9c der 116. Mittelschule da, Thema: Pyrotechnik im Stadion. Jeder soll seine Assoziationen auf Karteikärtchen schreiben. Ein Mädchen ruft: „Frau Meier, ich hab keine Ahnung davon.“ Die Lehrerin rät: „Einfach an Silvester denken.“

Moderator Kabs pinnt die Ergebnisse an die Tafel: Feuer. Verletzungen. Angst. Geldstrafe. Offenbar haben die Schüler in den letzten Tagen Nachrichten geschaut. Schließlich die Begriffe Spaß und Emotion. „Endlich“, flüstert Martin, 27, weinrotes K-Block-Shirt. Er ist Mitglied der Ultras Dynamo und möchte erklären, was es mit den bunten Lichtern so auf sich hat. Der Beamer wirft Pyrotechnik an die Wand: römische Lichter, Handsignale aus alten NVA-Beständen, bengalische Fackeln, bekannt aus dem Dortmund-Spiel. „Sieht bombastisch aus“, sagt Martin, „aber wenn man die zwischen den Beinen liegen hat, sollte man einen Satz weg machen. Sonst schmelzen die Schuhe.“ Zwei Mädchen tuscheln, eins gähnt, die Jungs hängen an Martins Lippen.

Das Gros der Ultras sind Männer, Durchschnittsalter um die 20. Dynamo ist ihr Lebensantrieb, für andere Hobbys bleibt keine Zeit. Martin ist bei jedem Spiel dabei, auch auswärts. „Dafür gibt’s keinen Alkohol, keine Disco, keine Zigaretten – man muss sich einschränken.“ Zusammen mit den anderen Ultras bastelt er Plakate, bis zu 50 Mann sind damit beschäftigt. In der Kurve verteilen sie Liedtexte, Folien zum Hochhalten – und Pyrotechnik, trotz des Verbots. „Ich sag nicht wie, aber man kriegt sie rein“, sagt Martin. Er muss sich jetzt mal aufregen vor der Klasse. Zünden Fans anderer Klubs Pyrotechnik, sei im Fernsehen von „ausgelassener Stimmung“ die Rede. Dynamo-Anhänger mit Fontänen in der Hand dagegen seien automatisch Chaoten.

„Ist halt so, dass wir die Bad Boys sind“, sagt Martin. „Warum?“, fragt einer. „Weil wir das Image lange genug gepflegt haben.“

Warum die Ultras eine Subkultur sind, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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