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Gewaltsame Proteste in Brasilien : Elitepolizisten sollen Confed-Cup schützen

Der Confed-Cup läuft, doch die Brasilianer demonstrieren auf der Straße. Sicherheitskräfte werden an fünf Austragungsorte geschickt. Die Nationalspieler solidarisieren sich mit den landesweiten Protesten.

Mehrere zehntausend Menschen gingen in der Nacht in Sao Paulo in Brasilien auf die Straße
Mehrere zehntausend Menschen gingen in der Nacht in Sao Paulo in Brasilien auf die StraßeFoto: AFP

Nach teils gewalttätigen Massenprotesten gegen die brasilianische Regierung will diese das Fußballturnier Confed-Cup zusätzlich von Elitepolizisten schützen lassen. Die Sicherheitskräfte sollten in fünf der sechs
Austragungsorte eingesetzt werden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Agencia Brasil unter Berufung auf das Justizministerium. Demnach werden die Sondereinheiten in die Bundesstaaten Rio de Janeiro, Bahia, Minas Gerais, Ceará und den Bundesdistrikt rund um die Hauptstadt Brasília entsandt.

Brasiliens Fußball-Nationalmannschaft hat sich unterdessen mit den landesweiten Protesten solidarisiert.„Die Seleção ist das Volk“, sagte Cheftrainer Luiz Felipe Scolari. Ausgerechnet im Land des fünffachen Weltmeisters, Confed-Cup- und WM-Gastgebers scheuen die Profis keine Antworten auf politische Fragen. Und Felipão denkt nicht daran, ihnen einen Maulkorb zu verpassen: „Wir verbieten nichts!“ Die Spieler sollten schließlich Persönlichkeiten sein und hätten „alle Freiheit“, sich zu den Demonstrationen zu äußern.

Mehr als 200 000 Menschen sind im fünftgrößten Land der Welt seit Montag auf die Straße gegangen, haben ein Ende von Korruption und Misswirtschaft gefordert und die zu hohen Kosten für die Fußball-WM 2014 kritisiert. Allein in Rio de Janeiro gingen rund 100 000 Menschen auf die Straße. In São Paulo gab es am Dienstagabend Plünderungen.

Brasilien - Proteste gegen Korruption
Am Sonnabend hat die Polizei das Kongressgebäude in Brasilia gesichert, auf dessen Dach in der vergangenen Woche Demonstranten geklettert waren. Die massiven Sozialproteste gehen in ganz Brasilien unvermindert weiter.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: Reuters
23.06.2013 09:32Am Sonnabend hat die Polizei das Kongressgebäude in Brasilia gesichert, auf dessen Dach in der vergangenen Woche Demonstranten...

Die Polizei setzte Tränengas ein, als einige Randalierer sich Zugang zum Rathaus verschaffen wollten. „Viele denken, dass Fußballer nur an Fußball denken. Aber wir wissen, was gerade passiert. Wir wissen, dass sie Recht haben mit ihren Protesten und dass in unserem Land viele Dinge verbessert werden können. Ich bin eindeutig für die Proteste“, sagte Hulk ungewöhnlich deutlich. Der Stürmer von Zenit St. Petersburg musste bei zwei Pressekonferenzen in Fortaleza mindestens so viele Fragen zur politischen Lage wie zum nächsten Gegner Mexiko beantworten. Er tat dies - ebenso wie sein Teamkollege David Luiz vom FC Chelsea - ohne mit der Wimper zu zucken.

Bei heiklen Fragen heißt es auf Pressekonferenzen: "Nur Fragen zum Sport"

Hulk verwies darauf, dass er zwar schon lange im Ausland lebe, aber nicht vergessen habe, aus welch armen Verhältnissen er stamme. Er habe, als er die Fernsehbilder sah, Lust verspürt, sich den Demonstranten anzuschließen, so der 26-Jährige. Trotz hartnäckiger Fragen von Journalisten schritten weder die Offiziellen der FIFA noch des Brasilianischen Fußball-Verbandes CBF ein. Dabei heißt es bei Pressekonferenzen, wenn heikle Themen angesprochen werden, mittlerweile oft: „Nur Fragen zum Sport!“

In einem Exklusiv-Interview des Fernsehsenders TV Globo zeigte FIFA-Präsident Joseph Blatter zumindest Verständnis für die Demonstranten, die zudem mehr Geld für Bildung und Gesundheit verlangten. „Ich kann verstehen, dass die Menschen nicht glücklich sind. Aber ich denke, sie sollten den Fußball nicht dazu nutzen, um ihre Forderungen zu verkünden“, sagte der 77 Jahre alte Schweizer, betonte aber auch: „Brasilien hat diese WM verlangt. Wir haben Brasilien diese Weltmeisterschaft nicht aufgezwungen. Sie wussten, um die WM zu bekommen, müssen Stadien gebaut werden.“ Neben den Stadien dienten auch Straßen, Hotels und Flughäfen als Vermächtnis. „Dies bleibt als Erbe für die Zukunft und nicht nur die Weltmeisterschaft.“

In politische Debatten wollte sich Blatter allerdings nicht verwickeln lassen. Diese Demonstrationen seien keine Angelegenheit für seinen Weltverband, erklärte der FIFA-Boss. Als es in Brasilia vor dem 3:0-Sieg der „Seleção“ gegen Japan erste Proteste gegeben hatte, hatte sich Scolari mangels Wissen („Ich habe keine Idee, was passiert ist“) noch zurückgehalten. Jetzt aber äußerte sich der 64-Jährige deutlich: „In einer Demokratie ist es normal, dass man diese Demonstrationen akzeptiert und dass sie von der Regierung wahrgenommen werden. Wir wünschen uns, dass sie weiter friedlich sind.“ Rigoros wies er Vermutungen von sich, seine Mannschaft könne
wie zu Zeiten der Militär-Diktatur politisiert und in eine Ecke mit den Staatsoberen gestellt werden.

WM-Stadien im Bau
In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf die WM 2014, wenn auch nur langsam.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dpa
05.01.2013 14:24In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf...

„Die Leute haben das Recht, es auszudrücken, wenn sie nicht glücklich sind“, sagte Abwehrspieler David Luiz. „Die Brasilianer sind Patrioten und lieben ihr Land. Ich hoffe, dass ein Konsens gefunden wird und es in Zukunft ein besseres Brasilien gibt.“ Dante hat bei der „Mini-WM“ ebenfalls klar Stellung bezogen und soziale Missstände angesprochen. „In Brasilien ist es nicht einfach, unser Land ist groß, die ganze Welt schaut auf uns. Die Leute sind zum Teil sehr reich, andere haben gar nichts“, sagte der brasilianische Abwehrchef des Champions-League-Siegers FC Bayern München.

Ob es eine schlechte Idee war, die WM 2014 nach Brasilen und die Olympischen Spiele 2016 nach Rio de Janeiro zu vergeben? Scolari schüttelte den Kopf: „Ich habe vor den Spielen in London viele Proteste gesehen.“ (AFP, dpa)

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