Sport : Gewichtheben: Kleiner, schwacher Mann

Jörg Allmeroth

Schon lange vor dem Nullsummenspiel des Türken Naim Suleymanoglu, dem vielleicht größten Athleten des Gewichthebens überhaupt, saß der Präsident des Internationalen Verbandes (IWF) an diesem Sonntag wie erstarrt vor der Hebebühne des Sydney Convention Centre. Neue Dopingnachrichten aus dem Lager der Gewichtheber hatten den Verbandschef Gottfried Schödl, einen Wiener Unternehmer, erschüttert. "Es ist einer der schlimmsten Tage meiner Amtszeit", sagte der Österreicher. Kurz zuvor war das gesamte rumänische Team von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden.

Nach Dopingsünden der rumänischen Heber Traian Charean und Adrian Mateas, die bei einer vorolympischen Kontrolle aufflogen, und einem zwei Monate zurückliegenden Vergehen eines anderen rumänischen Athleten galt automatisch die Höchststrafe: Werden mehr als drei Athleten eines Landes in einem Jahr positiv getestet, ist der betoffene nationale Gewichtheber-Verband für die nächsten zwölf Monate bei allen offiziellen Wettbewerben gesperrt. Die siebenköpfige rumänische Equipe musste damit sofort abreisen. Selbst die Ergebnisse des bereits am Sonnabend in der 56-Kilogramm-Klasse angetretenen Adrian Jigau wurden nachträglich für ungültig erklärt.

Aber es ging noch weiter: Der Weltverband verkündete zudem, dass der Norweger Stian Grimseth positiv getestet worden war - am 2. September beim Norway Cup. "Unser Kontrollsystem funktioniert zwar", sagte IWF-Chef Schödl, "aber den Kampf gegen die Drogen haben wir deswegen noch lange nicht gewonnen."

Auch Naim Suleymanoglu konnte nicht von den Negativ-Meldungen ablenken. Der dreimalige Olympiasieger, in seiner türkischen Heimat ein Nationalheld, brachte in der 62-Kilogramm-Klasse keinen einzigen gültigen Versuch im Reißen zustande und stürzte ein Großaufgebot von Fans in tiefe Traurigkeit.

"Es tut mir so leid für meine Anhänger und für mein Land", sagte Suleymanoglu, der nach dem gescheiterten Anlauf zur vierten Goldmedaille überstürzt die Halle verließ. "Dieser Sonntag ist und bleibt eine Schande für mich, ein dunkler Fleck auf meiner Weste." Den hat er sich vorsätzlich beigebracht. Suleymanoglu, der an der Hantel gewöhnlich mehr als sein zweieinhalbfaches Körpergewicht von 61 Kilogramm souverän in die Höhe stemmt, war nach seinem dritten Olympiasieg 1996 in Atlanta nicht unbedingt als Trainingsrekordler aufgefallen. Der kleine, starke Mann hatte vom Staat Millionen Dollar erhalten, als Dank für seine Olympiasiege, und Suleymanoglu trieb sich zuletzt lieber in seiner Luxusvilla in Ankara herum als in Trainingshallen. "Er hat wahrlich nicht wie ein Mönch gelebt", sagen selbst türkische Verbandsoffizielle. Erst in den letzten Monaten habe man wieder "mehr sportlichen Ehrgeiz" bei dem Superheber entdecken können.

Die kraftlose Vorstellung des erfolgsverwöhnten Hebers beendete endgültig eine außergewöhnliche Karriere: Neben seinen drei Goldmedaillen bei Olympia holte Suleymanoglu noch sieben Welt- und sechs Europameistertitel und erreichte sensationell 46 Weltrekorde. Der 33-jährige stand auch im Zentrum politischer Verwicklungen, als er sich vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft in Melbourne von seiner bulgarischen Mannschaft in einem Chinarestaurant absetzte, tagelang Unterschlupf bei türkischen Familien fand und schließlich ins türkische Konsulat flüchtete. Erst nach zähen Verhandlungen auf höchster Staatsebene konnte der Star, der als Angehöriger der türkischen Minderheit in Bulgarien den Namen Suleimanov tragen musste, für sein neues Heimatland starten. Ein Heimatland, über das Suleymanoglu gestern sagte: "Es fühlt Schmerzen wegen meiner Leistung."

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