Gewichtheben : Matthias Steiner: Die Kraft der Ruhe

Gewichtheber Matthias Steiner kann eigentlich nur verlieren – und hat doch hohe Ziele.

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Kein Boulevardsportler. Matthias Steiner will seinen Leistungen wieder mehr Gewicht geben.
Kein Boulevardsportler. Matthias Steiner will seinen Leistungen wieder mehr Gewicht geben.Foto: dapd

Vier Jahre lang kam er ohne sie aus. Mal, weil er sie nicht brauchte, öfter mal, weil sie ihm einfach nicht gewährt wurde. Matthias Steiner hatte keine Ruhe. Vier lange Jahre; dann war Schluss. Schließlich hatte der Mann vor dem großen Auftritt Wichtigeres zu tun, als sich dem Trubel hinzugeben und seine Befindlichkeiten mit der Welt zu teilen. Er wollte wenigstens wieder annähernd so fit werden, wie er in Peking war, wo er sich 2008 zu Olympiagold emporhob. Und deshalb schottete er sich ab.

Nicht einmal von der Möglichkeit, mit der deutschen Fahne bei der Eröffnungsfeier einzulaufen, wollte Steiner etwas wissen. Während Hockeyspielerin Natascha Keller die deutsche Mannschaft ins Londoner Stadion führte, bastelte er im Trainingslager in Österreich lieber noch an seiner Form. Denn zu tun gab es für den Gewichtheber ja genug. Die Fallhöhe für ihn ist riesig, und eigentlich kann er nur verlieren. „Ich bin nicht in der Verfassung von Peking“, sagt er auch jetzt noch und will dennoch eine Medaille gewinnen: „Sonst würde ich nicht teilnehmen.“

Es klingt nach einem anderen Matthias Steiner – nicht nach dem, der nie zur Ruhe kam. Das Leben als Held der Nation hat dem 29 Jahre alten Superschwergewichtler eben doch einige Probleme bereitet. Zum einen, weil er sich nicht vorstellen konnte, was es mit sich bringt. Zum anderen, weil er sich auch ein bisschen verführen ließ – von den Angeboten, dem Geld und dem plötzlichem Interesse an seiner Person. Wohin das führen kann, hat ihn erschreckt. Steiner wollte es zunächst nicht glauben, konnte irgendwann aber nicht mehr leugnen, dass er „ein Boulevardsportler“ geworden war.

Tatsächlich interessierten sich die meisten in den vergangenen Jahren mehr für sein Liebes- und Familienleben als für seine sportlichen Leistungen. Sein Anspruch war das nie, und er konnte es damals auch nicht ahnen. Aber Matthias Steiner befeuerte diesen Trend in Peking selbst, indem er bei der Siegerehrung das Foto seiner verstorbenen Ehefrau in die Luft gehalten hatte.

Vier Jahre später möchte er sich auf den Sport beschränken. Fotos oder private Geschichtchen gäbe es während der Spiele in London nicht, kündigt er vorsichthalber an. Doch es fällt schwer, seine wahre Leistungsfähigkeit einzuschätzen. Steiner plagte sich immer wieder mit grippalen Infekten und Verletzungen. Seine Bestleistung von 424 Kilogramm in diesem Jahr haben einige seiner Konkurrenten deutlich übertroffen.

Dass Matthias Steiner für den Wettkampf auf der Heberbühne am Dienstag (20 Uhr) trotzdem einen Eröffnungswert von 445 Kilogramm im Zweikampf gemeldet hat, erstaunt. Es spricht für ein neues Selbstbewusstsein und für besonderen Ehrgeiz. Aus dem Boulevardsportler soll wieder ein echter Leistungssportler werden.

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