Gewichtheben : Wie China das erste Gold erhob

Chen Xiexia misst gerade einmal 1,52 Meter und bringt 47,46 Kilo auf die Waage. Zum Sieg legte sie sich insgesamt 212 Kilogramm auf die Hanteln, ein olympischer Rekord.

Friedhard Teuffel[Peking]
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Gold in rot. Chen Xiexia und Medaille.Foto: AFP

Die chinesische Erfolgsgeschichte hat begonnen, gleich am Morgen des ersten Wettkampftags, und an ihrem Anfang steht eine kleine starke Frau. Chen Xiexia heißt sie, misst gerade einmal 1,52 Meter, bringt 47,46 Kilo auf die Waage. Die Gewichte, die sie über ihren Kopf wuchtet, sind trotzdem so schwer, dass sich die Eisenhantel zwischen ihnen schon ein bisschen zu biegen beginnt. Keine Frau der Welt, die ähnlich viel wiegt, hat wohl mehr Kraft als sie. Die Auszeichnung dafür war nicht irgendeine Goldmedaille, sondern die erste bei diesen Spielen für Gastgeber China.



Von den steilen Tribünen links und rechts des Podiums rollte der Jubel herunter auf die kleine Siegerin zu. „Jiayou", auf geht’s, das schienen fast alle der 6000 Zuschauer in der Universität für Luft- und Raumfahrt zu rufen, als Chen Xiexia ihr letztes Gewicht gemeistert hatte. Gewichtheben ist eine chinesische Stärke, die Erwartungen waren groß, aber die Gewichte hat das für Chen Xiexia wohl eher leichter gemacht. „Die Zuschauer standen hinter mir, deswegen konnte ich doch keinen Druck haben", sagte sie.

Vielleicht wird ja stilbildend für die ganze chinesische Mannschaft, was sie zum Auftakt vorgemacht hat: Viel Kraft und Dominanz im Wettkampf und danach größte Zurückhaltung und Bescheidenheit. Ihre sechs Versuche, drei im Reißen und drei im Stoßen, gelangen ihr alle, ihr Einstiegsgewicht von 90 Kilo im Reißen wog schwerer als das Gewicht, das die zweitbeste Heberin im letzten Versuch bewältigte, das waren die 88 Kilo der Silbermedaillengewinnerin Sibel Ozkan aus der Türkei. Und ihr Vorsprung am Ende lag bei genau 13 Kilo, was ganz nebenbei ein olympischer Rekord ist. 212 Kilo lagen auf ihren Hanteln, 95 beim besten Versuch im Reißen, 117 im Stoßen.

Chen Xiexia kommt aus dem Süden Chinas, aus der Provinz Guangdong, 25 Jahre ist sie alt und auf dem Weg ins olympische Finale hat sie sich intern gegen die Weltrekordhalterin durchgesetzt. Vor jedem Versuch brüllte sie ein paar Silben vor sich hin, die selbst die Chinesen nicht verstanden. „Das hatte ich mir einfach ausgedacht, um mich zu motivieren", sagte sie. Doch als sie die Siegerin war, da war schnell vergessen, dass sie gerade noch so geschrieen hatte. Sie verbeugte sich ins Publikum, sie schlurfte mit ihrer riesigen chinesischen Fahne zur Siegerehrung und wäre fast noch über sie gestolpert, weil sie von ihren Schultern bis auf den Boden reichte. Als Chen Xiexia dann aufgerufen wurde als neue Olympiasiegerin, ging sie um das Siegerpodest herum und gratulierte der Bronzemedaillengewinnerin Chen Wie-Ling aus Taiwan und der Zweitplatzierten. Bescheiden wollte sie aber auch innerhalb ihrer eigenen Mannschaft sein. Was ihr das bedeute, die erste Goldmedaille für ihr Land in Peking gewonnen zu haben? „Die anderen Goldmedaillen hier bedeuten genauso viel, deshalb ist meine keine besondere", sagte sie, bevor sie zur Dopingprobe ging, damit ihr Erfolg auch seinen Wert behält. Die anderen Goldmedaillen, aha. Chen Xiexia glaubt wohl nicht daran, diese goldene Erfahrung noch lange alleine zu.

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