Sport : Gewinnen statt zaubern

Wie Trainer Parreira Brasilien Siegen lehrte

Martín E. Hiller[Buenos Aires]

Weltmeisterschaft in Spanien 1982, zweite Finalrunde, letztes Spiel. Brasilien braucht gegen Italien nur ein Unentschieden zum Weiterkommen, doch sein Zaubermittelfeld mit Zico, Socrates und Falcao will brillieren, nicht nur punkten. Viele Experten sehen das Spiel bis heute als richtungsweisenden Sieg des Ergebnis orientierten über den schönen Fußball an: Dank seiner Defensivtaktik gewann Italien 3:2 und wurde anschließend Weltmeister. Brasilien erreichte weitere zwölf Jahre lang kein Endspiel.

Am Ende der Durststrecke stand derselbe Mann wie am Anfang: Als es Brasilien 1994 wieder ins Finale – erneut gegen Italien – schaffte, hieß der verantwortliche Trainer Carlos Parreira. Parreira, der als Konditionstrainer unter dem legendären Mario Zagallo schon beim letzten Triumph 1970 dabei war, hatte beschlossen, diesmal erfolgreich statt brasilianisch zu spielen. Er impfte der Mannschaft seine rationale Sichtweise ein: nicht zaubern, gewinnen! Brasilien wurde Weltmeister und hat seitdem dreimal in Folge das Endspiel erreicht. Parreira hatte einen neuen Wendepunkt in der Fußballgeschichte gesetzt.

Mittlerweile ist der 63-Jährige wieder für die Seleçao verantwortlich. Nachdem Weltmeistertrainer Felipe Scolari 2002 zurückgetreten war, übernahm Parreira das Amt zum dritten Mal. Bei der Copa America 1983 hatte er Brasilien erstmals betreut. Er blieb damals nicht lange, wollte lieber im Verein arbeiten. Die Anzahl seiner Trainerstationen erreicht fast das Niveau des Weltenbummlers Rudi Gutendorf. Parreira lehrt seit 1968 Fußball. Er hat schon Vereine wie den ghanaischen Kotoko SC trainiert, die Metro Stars oder Fluminense – obwohl sein brasilianischer Lieblingsklub damals nur in der dritten Liga kickte. Den Aufstieg mit den Grün-Weißen zählt er stolz zu den 19 Titeln, die er bisher gewonnen hat.

Carlos Alberto Parreira ist ein Erfolgstrainer. Das gibt ihm, der an der Seitenlinie völlig ruhig steht, um im nächsten Moment wütend loszubrüllen, ein Selbstbewusstsein, das bisweilen die Schwelle zur Arroganz überschreitet. Parreiras Brustkorb schwillt besonders weit an, wenn er auf die Qualität der brasilianischen Auswahl hinweist. Nach dem Sieg bei der diesjährigen Copa America in Peru platzte er fast.

„Fünf Spitzenspieler zu Hause lassen und trotzdem gewinnen, das schafft kein anderes Land“, sagte Parreira etwa, und dann: „Wir haben die Größe von Brasiliens Fußball gezeigt.“ Dabei zeigte die Copa in erster Linie, dass Parreira das Ziel seines Handelns nie aus den Augen verliert. „Es war doch die Hauptsache, dass wir gewonnen haben“, sagte er nach dem kläglichen, in der Schlussminute eingefahrenen 1:0-Sieg im Gruppenspiel gegen Chile.

Solche Sätze hören sie zu Hause eigentlich gar nicht gerne. Auf Dauer wollen die brasilianischen Fans mehr als den Konterfußball, den Parreira im Halbfinale gegen Uruguay spielen ließ. Doch solange mit dieser für brasilianische Augen hässlichen Spielweise der Erzrivale Argentinien geschlagen wird, akzeptiert man es.

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