Sport : Gewinnen und vergessen

Trainer Nitschke bringt Chinas Ringer nach vorne

Frank Hollmann[Peking]

Auf der Matte braucht Wolfgang Nitschke keinen Dolmetscher, da hilft er sich mit Körpersprache und den paar Brocken Chinesisch, die er gelernt hat. Und zur Not gibt es im chinesischen Nationalteam einen Ringer aus der Inneren Mongolei, der wie Nitschke etwas Russisch kann. „Das ist ein Spaß, wenn er vor der Mannschaft steht. Er kann vielleicht 20 Wörter, es gibt viel Gelächter, aber Spaß muss auch im Training sein“, sagt Nitschke.

Es klingt ganz anders als bei seinem deutschen Kollegen Josef Capousek, der gerade als Trainer der chinesischen Kanuten entlassen worden ist. Capousek beklagte Intriganz, Korrumpiertheit und Bespitzelung. Sein Ziel war es, chinesischen Sportlern Selbstverantwortung und Selbstdisziplin beizubringen. Die Funktionäre waren anderer Meinung und entließen Capousek – auch weil sie ihm nicht mehr zutrauten, Gold für China gewinnen zu können. Nitschke ist mit einer anderen Motivation nach China gegangen. China gab ihm eine neue Chance.

25 Jahre lang hatte der Leipziger Nitschke die deutschen Freistilringer trainiert, zunächst in der DDR, später im wiedervereinigten Deutschland. Nach den Olympischen Spielen in Athen musste er wegen Stasivorwürfen gehen. Sogar das Bundesinnenministerium setzte sich damals dafür ein, dass Nitschke weder Bundestrainer noch Sportdirektor blieb. Fertig sei er damals gewesen, sagt Nitschke, obwohl er vor einem Gericht später recht bekommen habe und der Deutsche Ringerbund ihm eine Abfindung habe zahlen müssen. Gerade hat er sich wieder mit einer Unterlassungsklage gegen neue Vorwürfe gewehrt. Das ZDF hatte ihn als DDR-Trainer mit Doping- und Stasivergangenheit portraitiert.

Als Nitschke von alldem erzählt, kehrt sich sein Blick nach innen. Jedes Lächeln verschwindet. Plötzlich blickt er auf, drückt seinen Rücken durch, das Strahlen kehrt zurück. Nitschke will jetzt nur noch nach vorne blicken, auf die Spiele. Es wären seine sechsten als Trainer. München 1972 hatte er als junger Athlet erlebt. Mehr als 100 Medaillen sammelten Nitschkes deutsche Athleten bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften. An diese Erfolge knüpfte er auch in China an. Bei den Asienspielen holte Nitschkes Team einmal Gold und zweimal Bronze. Besser waren Chinas Freistilringer noch nie. Doch als bei der WM in Guangzhou nur ein fünfter Platz heraussprang, waren die Funktionäre „richtig enttäuscht“. Schnell musste er einsehen, dass China mehr an schnellen Erfolgen als an kontinuierlichem Aufbau interessiert ist. Dennoch hält er die erste olympische Medaille für einen chinesischen Freistilringer für möglich. Seine Hoffnung heißt Wang Yin, Asienmeister im Mittelgewicht.

Sein Konzept nennt er „aufgabenbezogenes Training“. Nitschkes Athleten müssen nicht stur ihre Übungen wiederholen, sondern selbständig nach Lösungen suchen. „Unser deutscher Trainer hat einiges bewegt, moderne Methoden eingeführt“, lobt auch Trainerkollege Yu Tao. Diesen Methoden allein wollte Lou Meng wohl nicht vertrauen. Der 19-Jährige wurde des Dopings überführt. Der chinesische Ringerverband hat ihn und seinen Provinztrainer lebenslänglich gesperrt.

Der 61-jährige Nitschke weiß um die politische Brisanz der Spiele wegen Tibet und anderer Verletzungen der Menschenrechte. Er denke politisch, aber „ich halte nicht viel von Boykott und Sportlern als wandelnden politischen Litfasssäulen“. Das chinesische Volk habe Olympia auf jeden Fall verdient, sagt Nitschke.

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