Sport : Gewonnen – und aus der Traum

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Von Michael Rosentritt

Berlin. Den Tunnelblick hat sich Gabor Kiraly bei Oliver Kahn abgeguckt. Den setzt sich der Torhüter des FC Bayern immer in wichtigen Spielen auf. Meistens mit Erfolg. An die Vorzüge eines solchen Tunnelblicks zweifelt Gabor Kiraly, der Torhüter von Hertha BSC nicht. Gestern musste er nicht einmal hinter sich fassen im Berliner Olympiastadion beim 2:0 (0:0)-Sieg über Schalke 04. Nur leider birgt diese gewollte Bündelung visueller Auffassungsgabe auf das Wesentliche eine Tücke. Man vergisst schnell mal, was sonst noch so um einen herum passiert. Da stand also nun der Ungar nach Spielende an der Seitenlinie und erzählte 55 000 Zuhörern, dass es im einzig noch ausstehenden Bundesligaspiel in Leverkusen nur darum gehen kann, doch noch „in die Champions League zu kommen“.

Im Eifer hatte der Gute einfach ausgeblendet, dass auch noch ein, zwei andere Bundesligisten an diesem Tag gespielt hatten und Oliver Kahn ebenfalls den Tunnelblick trug. Weil auch die Bayern gewannen, kann Gabor Kiraly mit seiner Hertha in Leverkusen gewinnen wie er will – nur wird es nicht für die Champions League langen. Doch ganz so wertlos war der Sieg über Schalke nun auch wieder nicht. Hertha BSC wird zum vierten Male hintereinander in einem internationalen Wettbewerb vertreten sein, zum dritten Male infolge im Uefa-Cup. Im weiteren Verlauf des Abends wird es dem Ungarn schon einer gesteckt haben. Gabor Kiraly wird es verkraftet haben.

Mehr war für Hertha BSC in dieser Saison einfach nicht drin. „Unter all den Umständen bin ich ganz zufrieden“, sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Jubelsprünge“ mochte er nicht vollführen. „Mein innigster Wunsch war Platz drei gewesen“, der zumindest die Teilnahme an der Qualifikation zum Geldvermehrungswettbwerb nach sich gezogen hätte. Auch Dieter Hoeneß wird es verkraften, dass man erneut über kleinere Sportplätze des Kontinents ziehen muss. „Kurz nach der Winterpause sah es nicht mal mehr danach aus.“ Nicht jeder hätte die Gründe für einen Trainerwechsel mitten in der Saison nachvollziehen können. Jürgen Röber jedenfalls hat momentan ganz andere Sorgen.

Dessen Nachfolger Falko Götz ging gestern vor feiernden Fans nach Toren von Michael Preetz (12. Saisontreffer) und Alex Alves (7.) auf die Ehrenrunde. Ein Lächeln hierhin, ein Winken dorthin – bisher hatte Götz solche Auftritte vermieden. „Heute erst sehen wir, was jeder einzelne Sieg wert war“, sagte Götz. Unter ihm hat Hertha keines der sechs Heimspiele verloren. Die Bilanz des Trainers für 13 Spieltage kann sich vor dem letzten sehen lassen: 12 Spiele, 9 Siege, 1 Unentschieden, 2 Niederlagen. „Das, wozu mein Assistent Andreas Thom und ich angetreten sind, ist geschafft“, sagt Götz. Dass ihm so ganz nebenbei ein Sieg über Huub Stevens gelang, für den er hier in Berlin quasi den Trainerstuhl warm hielt, sei nicht mehr als Ironie des Schicksals. Götz war eine Art Brücke zwischen Röber und dem scheidenden Schalke-Trainer Stevens. „Beide, Falko und Andy, haben hier einen verdammt guten Job erledigt“, sagte Mannschaftskapitän Michael Preetz. „Klar, dass sie heute ein bisschen wehmütig sind, aber beide wussten doch, dass sie nur 13 Spiele lang Gelegenheit dazu haben, ihr Können zu zeigen.“

Kommenden Sonnabend wird Falko Götz ein letztes Mal Hertha aufstellen. „Es ist schön, am finalen Spieltag noch einmal im Rampenlicht stehen zu können. Vielleicht machen wir uns ja in Leverkusen ganz unbeliebt.“ Tatsächlich könnte Hertha die Meisterschaft mitentscheiden an diesem Tag. „In Leverkusen gibt es für uns nichts zu verlieren“, sagte Götz. Was er nicht sagte: Es gibt für ihn und Hertha aber auch nichts mehr zu gewinnen. Zumindest keinen Platz in der Champions League.

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