Sport : Gier nach mehr

Mit dem 4:1 gegen Schalke 04 unterstreicht Hertha BSC die Ambitionen auf die Champions League

Stefan Hermanns

Berlin - Als das Spiel so gut wie vorentschieden war, sah sich Herthas Trainer Falko Götz zu einer eindringlichen Warnung an sein Personal genötigt. An der Seitenlinie redete er auf Marcelinho ein und gab ihm für die folgenden 55 Spielminuten eine neue Anweisung mit auf den Weg. Der Brasilianer hatte gerade per Foulelfmeter das 2:1 gegen Schalke 04 erzielt, die Berliner spielten in Überzahl, und Götz trug Marcelinho auf: „Nicht alle gleichzeitig angreifen!“ Es sind sehr luxuriöse Sorgen, die der Berliner Fußball- Bundesligist hat: Hertha BSC muss sich im Moment allenfalls vor der eigenen Begeisterung schützen, vor allem nach dem gestrigen 4:1-Sieg gegen Schalke 04. „Wir haben wunderbar gespielt“, sagte Marcelinho, der später noch das 4:1 erzielte, sein 17. Saisontor. Auch an den beiden anderen Treffern durch Yildiray Bastürk und Nando Rafael war er beteiligt.

Das 1:0 fiel bereits in der vierten Minute: Nach einer flinken Kombination über Rafael und Marcelinho fand Bastürk die große Lücke in Schalkes Viererkette und überwand im Fallen Torhüter Rost. Viele der 74 500 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion hatten den Treffer allerdings nicht sehen können, weil sie noch auf Einlass warteten. Wegen des großen Andrangs wurde das Spiel mit zehn Minuten Verspätung angepfiffen. „Das müssen wir auf jeden Fall verbessern“, sagte Manager Dieter Hoeneß über die Probleme an den Eingängen. Allerdings hofft er, dass es öfter so voll wird, „damit sich die Zuschauer daran gewöhnen, dass sie früher kommen müssen“.

Unbegründet sind solche Hoffnungen nicht, weil sich Hertha nun dauerhaft in jener Region einzurichten scheint, die das verwöhnte Berliner Publikum für den Normalfall hält. Der Abstand zum VfB Stuttgart auf Platz drei beträgt nur noch zwei Punkte, zu Schalke und damit zur direkten Qualifikation für die Champions League sind es drei. „Ich glaube, dass jetzt alle glauben, dass wir eine gute Chance haben, die Champions League zu erreichen“, sagte Marcelinho. „Wir haben noch nicht genug geschafft.“

Die Mannschaft macht nicht den Eindruck, dass sie sich vorschnell zufrieden gibt. Auch gegen Schalke überstand sie die einzige kritische Phase vor und nach dem 1:1 weitgehend unbeschadet. Vor dem Ausgleich hatte Christian Poulsen Herthas Mittelfeldspieler Niko Kovac den Ellenbogen in den Bauch gerammt, die Berliner warteten auf eine Unterbrechung durch den Schiedsrichter, doch Florian Meyer ließ weiterspielen, sodass Ebbe Sand vergleichsweise ungestört das 1:1 erzielen konnte. „Ich kann nicht aufhören, Fußball zu spielen“, sagte Hoeneß. Es blieb an diesem Tag seine einzige Klage.

Kovac rächte sich kurz darauf an Poulsen, indem er ihn zu seiner zweiten Gelben Karte provozierte. Ab der 23. Minute spielten die Schalker zu zehnt, und dass Hoeneß „teilweise Traumfußball“ gesehen hatte, lag auch an Herthas Überzahl. „Wir haben uns vorgenommen, die Schalker zu jagen“, sagte Trainer Götz. Das gelang den Berliner nach dem Platzverweis noch besser. Herthas Manager erlebte seine Mannschaft „sehr, sehr abgeklärt, sehr konsequent. Sie hat sich überhaupt nicht aus der Reserve locken lassen.“

Es war ein weiteres Zeichen spielerischer und taktischer Reife. Vielleicht hat Hertha zurzeit sogar die beste Mannschaft seit dem Aufstieg, „spielerisch auf jeden Fall“, sagte Hoeneß. Vor allem gegen die direkte Konkurrenz haben die Berliner Stärke bewiesen. Von den acht Spielen gegen die besten fünf der Tabelle haben sie nur eins verloren. Nächste Woche aber spielt Hertha beim Vorletzten Hansa Rostock. Falko Götz sagt: „Es ist wichtig, weiterhin diese Gier zu behalten.“

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