Sport : Gierige Pfiffe

Auch Dominik Marks manipulierte Fußballspiele – heute befindet der Bundesgerichtshof über die Strafe

Sven Goldmann[Leipzig]

Vor zwei Jahren war Dominik Marks noch Schiedsrichter in der Zweiten Fußball-Bundesliga, seine Kollegen nannten ihn Domme. Es heißt, er sei kein großes Talent gewesen und habe sich alles hart erarbeitet. Pfeifen war für Marks vor allem: Geld verdienen. Als Wirtschaftsprüfungsassistent beharrte er darauf, die Honorare des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seien nicht zu versteuernde Aufwandsentschädigungen. „Mensch, Domme, als Schiedsrichter verdienst du in der Zweiten Liga 1600 Euro für ein Spiel. Das ist doch keine Aufwandsentschädigung“, sagten die anderen. Marks entgegnete, er habe darüber mit seinem Professor gesprochen, der sehe das ganz anders, „damit müsste man mal vor Gericht gehen!“

Heute wird der Bundesgerichtshof in Leipzig ein Urteil sprechen, das sich indirekt mit den Einkünften von Schiedsrichtern befasst. Doch es geht nicht um Steuern, sondern um Betrug. Der fünfte Strafsenat wird verkünden, ob die Urteile des Landgerichts Berlin zu manipulierten Fußballspielen rechtens sind oder die Fälle neu verhandelt werden müssen. Für den ehemaligen Schiedsrichter Robert Hoyzer und den Wettpaten Ante Sapina geht es um Gefängnis oder nicht Gefängnis.

Marks kann nur darauf hoffen, dass die Verhandlung schnell vergessen sein wird.

Auch seine 18-monatige Bewährungsstrafe könnte aufgehoben werden, aber was wäre damit gewonnen? Seine Zeit als Schiedsrichter ist vorbei, und an seiner beruflichen Karriere würde auch ein später Freispruch wenig ändern. Es wäre ein Freispruch dritter Klasse, keine Empfehlung für einen Job als Wirtschaftsprüfer.

Am schlimmsten aber wäre ein neuer Prozess, und genau diese Entscheidung erwarten viele Prozessbeobachter. Noch einmal würde die Öffentlichkeit auf ihn schauen, auf seine Rolle als Betrüger.

Marks ist abgetaucht und antwortet weder auf Briefe noch auf Anrufe. Es ist ihm schwergefallen, Fuß zu fassen nach der vierwöchigen Untersuchungshaft („die schrecklichste Zeit meines Lebens“), dem Prozess von Moabit mit dem Schuldspruch: Beihilfe zum Betrug in zwei Fällen. Seine Anstellung als Wirtschaftsprüfungsassistent bestand nur zur Probe und war mit der Verurteilung hinfällig. Marks ist 31 Jahre alt und steht vor dem Nichts.

Vor dem Landgericht hat Marks sein monatliches Einkommen auf 3040 Euro beziffert. Das ist nicht wenig für einen Berufsanfänger, aber Marks war es nicht genug. Auf Dienstreisen besuchte er oft und demonstrativ den Boss-Shop am Frankfurter Flughafen. Wahrscheinlich hätte er sich diesen Anflug von Luxus als etablierter Wirtschaftsprüfer leicht leisten können. Aber er wollte sofort dazugehören.

Als Marks in den Dunstkreis der Hoyzer’schen Betrügereien geriet, setzte der Anwalt Christoph Schickhardt Privatdetektive auf ihn an. Die berichteten von hohen Schulden, der Schiedsrichter habe seine DFB-Honorare nicht versteuert. Schickhardts Mandant war der Karlsruher SC, dessen Spiel gegen den MSV Duisburg (0:3) Marks manipuliert haben soll. Die Auswertung seiner Mobiltelefondaten ergab, dass Marks unmittelbar nach dem Spiel den Wettpaten Ante Sapina anrief, als seine Assistenten unter der Dusche standen. Und doch spricht in diesem Fall einiges für Marks’ Verteidigungsthese, er habe zwar 30 000 Euro von Sapina angenommen, aber nicht manipuliert. Duisburg war die klar dominierende Mannschaft, und DFB-Lehrwart Eugen Strigel attestierte Marks nach einer Videoanalyse eine einwandfreie Leistung.

Kurioserweise ließ das Landgericht Berlin ausgerechnet jenes Spiel aus der Anklage fallen, in dem Marks mit höchster Wahrscheinlichkeit manipuliert hat. Für den 2:1-Sieg der Amateure von Hertha BSC über die Amateure von Arminia Bielefeld kassierte er von Sapina 6000 Euro. Schwer verdientes Geld. Marks erkannte erst ein reguläres Tor der Bielefelder nicht an und bestrafte sie später mit einem Elfmeter, über den selbst die Berliner lachten. „Was pfeift denn der Domme für einen Scheiß?“, fragten Schiedsrichter-Kollegen, die sich das Spiel ansahen.

Heute sagt keiner mehr Domme zu ihm. Er hat den Kontakt zu den Berliner Kollegen abgebrochen, zu Hoyzer und Sapina ohnehin. Während des Prozesses achtete er peinlich darauf, auf keinen Fall auch nur den Blick eines seiner früheren Spießgesellen einzufangen. „Das ist das eine“, sagt ein Vertrauter. „Aber viel schlimmer ist es für ihn, dass er nie das Luxusleben führen kann, das er sich immer erträumt hat.“ Daran wird auch die Entscheidung des Bundesgerichtshofs nichts ändern.

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