Sport : Gift für den Sport

In den USA hat nicht nur Carl Lewis ein Dopingproblem – in den Profiligen wird alles geschluckt, was fit und schnell macht

Matthias B. Krause

New York. Der Arzt dachte, der Patient hätte Grippe. Einen Tag später war Sean Riggins tot, Herzstillstand. Er wurde 16. In dem kleinen Ort im Mittleren Westen der USA, in dem Riggins aufwuchs, gab es nicht viel zu erleben. Riggins rauchte nicht, trank nicht, trieb Sport. Er hatte einen schwarzen Gürtel in Taekwondo, gehörte zum Ringerteam seiner Highschool und spielte Football. Er trainierte verbissen, und vor Spielen tat er das, was alle taten: Er nahm ein paar von den gelb-lila Pillen, die es im Supermarkt an der Ecke gab. 1,19 Dollar für drei Stück. „Extreme Energizer“ stand auf der Packung. Sie ließen das Herz schneller schlagen.

Ephedra heißt die Substanz, die Sean Riggins wohl umbrachte. Millionen Jugendliche und Erwachsene in den USA schlucken das Stimulanzium, das den Stoffwechsel anregt und beim Abnehmen helfen soll. Darauf vertraute auch Steve Bechler, der in diesem Frühjahr wieder zum Major League-Team der Baltimore Orioles gehören wollte. Nach zwei Tagen im Trainingscamp brach der übergewichtige Baseballer zusammen und starb wenig später. Die Autopsie ergab eine Überdosis an Ephedra. Bechler wurde 23.

Das sind zwei Fälle, die die schizophrene Einstellung der Amerikaner zu Doping im Sport beleuchten. Einerseits stehen die Olympia-Funktionäre an vorderster Front, wenn es darum geht, Doping in China oder anderswo anzukreiden. Im Gegensatz dazu wird in den vier amerikanischen Profi-Ligen munter alles geschluckt, was fit und schnell macht. Die Nachricht, dass Olympia-Ikone Carl Lewis 1988 auf seinem Weg zu Gold in Seoul mit Stimulanzien erwischt worden war, aber trotzdem starten durfte, taugt deshalb in den USA nur zur Randnotiz. „Ich sehe den Punkt nicht“, sagt der Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees (USOC) zu den Enthüllungen. Während der deutsche Vizepräsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Helmut Digel, fordert, dass das IOC den Fall untersucht, sagt USOC-Interimspräsident Bill Martins: „Wir haben genug andere Dinge um die Ohren.“

Als Baseballer Mark McGwire 1998 die Rekordmarke auf 70 Home Runs in einer Saison schraubte und zugab, Androstenedione zu schlucken, schnellte der Absatz für das in den USA legal erhältliche Mittel, das auf der Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) steht, sprunghaft an. Erfolgreicher Sportler zu sein, hat in Nordamerika einen höheren Stellenwert als in Europa. Wer mit dem Basket-, dem Base- oder dem Football besser umgeht als die anderen, kann sich die 70 000 Dollar für ein College sparen. Ein Sportstipendium ist das Eintrittsticket zu einer Welt voll Geld und Ruhm.

Deshalb nutzen die Nachwuchssportler, was immer sie angeblich weiterbringt. College-Krafttrainer Chuck Faucette erzählt: „Wenn ein Neuling kommt, ist seine erste Frage: Was kann ich nehmen?" Große Universitäten mit renommierten Sportprogrammen haben einen eigenen Pillen-Etat. Die Universität von Texas veranschlagt dafür 200000 Dollar im Jahr – ein Budget, das sich viele von Pharma-Firmen sponsern lassen. Manche Trainer haben auch Verträge als Pharma-Vertreter. Die Industrie setzt so jährlich 17,7 Milliarden Dollar um. Die Dopingkontrollen in den vier großen nordamerikanischen Profiligen (Baseball, Basketball, Eishockey, Football) sind lax. Unangemeldete Trainingskontrollen gibt es nur wenige, in der National Hockey League (NHL) gar keine. Die Strafen fallen mild aus. Von automatischen Sperren für erwischte Sportler ist Amerika weit entfernt. Trotzdem will Dick Pound, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, versuchen, die US-Profiligen zur Unterzeichnung des Anti-Doping-Abkommens zu bewegen. Allerdings sagt er auch: „Wahrscheinlich bin ich ein naiver Berufsoptimist.“

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