Sport : Gift im Wasser

Sportdirektor Madsen verärgert mit seinem Stil Schwimmer und Trainer

Frank Bachner

Berlin - Lars Conrad ist nicht aus der Schwimm-Nationalmanschaft geflogen. Örjan Madsen, der Cheftrainer und Sportdirektor, hat den Freistil-Spezialisten doch nicht wegen dessen Kritik bei der Weltmeisterschaft in Melbourne an den Schwimmanzügen rausgeworfen. Dieser angebliche Rauswurf ist das jüngste Gerücht aus dem Lager der deutschen Schwimmer. Und es passt ins Gesamtbild. „Es ist erschreckend, was bei uns geredet wird“, sagt Conrad.

Die WM war eine Pleite, die deutschen Meisterschaften in Berlin ein Muster ohne Wert, jetzt ist die ganze Atmosphäre vergiftet. „Ich habe selten erlebt, dass eine Mannschaft so wenig Spaß hatte wie jetzt“, sagt Conrad. Es gibt keine klaren Fronten mit Opfern und Tätern, die Gründe für die miese Stimmung und die sportlichen Misserfolge sind vielfältig. Aber alles kreist um Madsen, den kantigen Norweger, der seine Antrittsrede vor den Sportlern mit dem Satz begann: „Wer nicht mit mir zieht, auf den werde ich nicht warten.“ Madsen sagt, er wolle von seinen Athleten profihafte Einstellung, anders gehe sein Team in Peking unter. Und er sagte in Melbourne: „Ich lächle eher selten.“

Mark Warnecke ist zurückgetreten, er sagt: „Es wird ein Klima der Angst geschürt.“ Madsen hatte ihn bei der WM in der Abschlussbesprechung aus dem Nationalkader geworfen. In einer Art und Weise, „wie ich das noch nie erlebt habe“ (Warnecke). Madsen, sagt ein Teilnehmer, habe sich über Warneckes Kritik an den Schwimmanzügen geärgert. Warnecke wollte Madsen antworten, „aber ich kam gar nicht zu Wort“. Madsen ging auch Conrad wegen dessen Materialkritik hart an. „Die Art war beschämend“, sagt Conrad. Ob Madsen das ähnlich sieht, ist unbekannt. Er war gestern nicht zu erreichen.

Die Schwimmer revanchierten sich subtil in Berlin. Die Aktivensprecherin Anne Poleska verweigerte Madsen den Zutritt zu einer Aktivenversammlung. Auch bei den Trainern bilden sich Gruppen. Madsens Vertraute Norbert Warnatzsch, Bernd Henneberg und der Diagnostik-Experte Klaus Rudolph, alles ehemalige DDR-Größen, halten zu ihm, Warneckes Trainer Horst Melzer dagegen hat sich abgewandt. „Er ist wie ein Diktator“, sagt Melzer. „Er lässt keine Kritik zu.“ Mit seinem extremen Leistungsdenken schade er letztlich dem Sport. Der junge, aber renommierte Wuppertaler Trainer Hennig Lamberz soll in Melbourne sogar mit seiner vorzeitigen Abreise gedroht haben. Ein Ohrenzeuge will ihn im heftigen Streit mit Madsen erlebt haben. Er, Lamberz, lasse sich nicht wie ein kleiner Junge behandeln. Lamberz war gestern nicht zu erreichen. „Wenn ich als Angestellter ein solches Betriebsklima hätte, würde ich kündigen“, sagt Warnecke. Allerdings hat er keinen Tunnelblick auf Madsen: „Viele tragen seine Vision mit, die sind mitverantwortlich.“

Deshalb ist auch Madsen nicht allein für die WM-Pleite verantwortlich. Er konzipiert die Höhentrainingslager, er gibt Rahmentrainingspläne vor, aber einen Großteil der Arbeit erledigen die Heimtrainer. „Schon im Höhentrainingslager wurde stark individualisiert gearbeitet“, sagt Bundestrainer Manfred Thiesmann.

Mitunter hat die Kritik an Madsen ihren speziellen Hintergrund. Melzer ist sauer, weil er bei der WM von Madsen nicht als Trainer akkreditiert wurde, Conrad verärgerte den Cheftrainer, indem er den Eindruck erweckte, seine miserable Leistung habe mit dem Material zu tun. Schwer zu sagen, wie substanziell die Kritik an Madsen im Detail ist. Der Norweger wird nächste Woche mit den Trainern die WM analysieren. Christa Thiel, die Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes, hält jedenfalls zu ihm: „Bis zum Dezember hatten wir mit ihm Erfolge. Wenn er kritikunfähig wäre, würde er keine Trainertagung machen.“

Mark Warnecke interessiert Madsens Analyse allerdings nicht mehr groß. Er hat in Berlin im Vorlauf über 50 Meter Brust seine Abschiedsvorstellung gegeben. Nur war das nicht jedem klar. Am Dienstag hatte Warnecke unerwarteten Besuch: von einem Dopingkontrolleur.

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